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 Zum Schwerpunkt Essstörungen

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Auf dieser Seite möchte ich allen, die in irgend einer Weise von Essstörungen betroffen sind, die Möglichkeit bieten, selbst über sich und ihre Erfahrungen etwas zu erzählen:

  • mit einem eigenen Text,
  • mit ein paar Gedanken zu ihrer Situation
  • oder mit einem Gedicht,
  • vielleicht auch mit einem Bild oder einer Zeichnung.

Zeichnung
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Ich freue mich über jede Zuschrift.

Zum neuesten Beitrag


...manchmal fühlt sich das Leben in einer Essstörung an wie ein Tunnel ohne Ende. Es gibt kein Licht, keine Hoffnung, keine Perspektive, nur Verzweiflung.

Da heraus zu finden und wieder Mut zum Leben zu entwickeln, ist nicht leicht. Es kann lange dauern, und Rückschläge gehören dazu, leider.

Auf dieser Seite geben Betroffene Einblick in ihre Gefühle, Gedanken und Erfahrungen.

Sich mit der eigenen Situation aktiv auseinander zu setzen, die eigenen Empfindungen und Erlebnisse, die einen bewegen und einem zu schaffen zu machen, zu reflektieren, kann ein erster Schritt hinaus aus dem Tunnel sein. Das Leben nach einer Essstörung wird nie wieder so leicht sein wie vorher, denn man muss sich dann seinen Problemen stellen und adäquat reagieren. Aber am Ende des Tunnels ist immer Licht...

Natürlich ist das Leben »danach« nicht mehr wie vorher. Aber vielleicht authentischer und lebenswerter.

Daniela, 18 Jahre, Schülerin

Ich bin 18 Jahre und leide selber seit etwa zweieinhalb Jahren an einer Essstörung. Anfangs habe ich kaum noch etwas gegessen und bin immer dünner geworden. Später konnte ich mich dann nicht mehr zurückhalten, und habe wahlos in mich hineingestopft. Das ist auch heute zum Teil noch so. Aber mir geht es wesentlich besser als noch vor einem Jahr.

Seit Anfang des Jahres 2002 bin ich in psychotherapeutischer Behandlung. Die Therapie hat mir geholfen. Den entscheidenden Teil muss man allerdings selber leisten. Das ist häufig verdammt schwer!!!

In schlimmen, schwierigen Situation entstehen dann manchmal Texte und Gedichte. Beim Schreiben sind oft viele Tränen geflossen, und auch jetzt noch muss ich schlucken, wenn ich es lese. Ich weiss, dass ich es irgendwann schaffe, der Esssucht zu entkommen, doch angekommen bin ich noch nicht... und der Weg war schon schwer und wird bestimmt nochmal schwer werden...!?

Mit dem Lesen des Textes würde ich anderen Betroffenen gerne zeigen, dass sie nicht alleine sind...

 

Strudel

Ich bin am ertrinken!
Aber ich weiss, dass ich schwimmen kann.
Doch der Strudel ist stark und will mich hinunter ziehen.
Bei ruhiger See ist es leicht zu schwimmen.
Momentan weiss ich nicht, wie ich mich halten soll.

Ich strampele und versuche Luft zu holen.
Ich versuche, meinen Kopf über Wasser zu halten.
Ich strecke meine Arme in die Luft und werde von der Kraft des Stromes immer wieder untergetaucht.
Meine Schreie machen dem Wasser keine Angst.
Es hat nichts zu verlieren

Der Strudel zieht und zieht.
Ich schwimme weiter.
Ich hoffe auf Rettung.
Ich weiss, dass ich überleben werden, bloß bin ich mir nicht sicher, wie lange es dauern wird, und hoffentlich braucht die Rettung nicht all meine Kraft,
die ich später im Leben gerne noch genutzt hätte.

Ich reiße mich in die Höhe.
Ich schnappe nach Luft.
Ich weiss, dass ich nicht alleine bin, doch im Moment ist der Strudel mir am nächsten und versucht alles, mich in seinen Bann zu ziehen.
All seine Kraft probiert er an mir aus, um letztendlich festzustellen,

dass ich irgendwann stärker sein werde...

 

Kontaktaufnehmen mit Daniela, bitte hier klicken!

Chrissie

Das folgende Gedicht hat mich übers Internet erreicht - zunächst ohne weitere Informationen und Absenderangabe. Auch auf Nachfrage kam erst keine Antwort. Dennoch habe ich mir erlaubt, das Gedicht hier zu veröffentlichen. Kurz darauf hat sich die Verfasserin, Chrissie, bei mir gemeldet. Sie hat eine sehr bewegende, erschütternde Geschichte:

Ich wurde als kleines Mädchen von meinem Cousin sexuell mißbraucht. Das Ganze ging zwei, drei Jahre. Dann wurde ich per Telefon sexuell mißbraucht, bzw. belästigt. Ich fiel in ein tiefes, schwarzes Loch. Mit elf Jahren wollte ich mir das Leben nehmen, was zum Glück daneben ging. Dann begann meine Essstörung. Ich leide an einer Art von Bulimie.

Eine Therapie kommt für mich jedoch nicht in Frage - ich denke, es ist eine Frage der Überwindung, in therapeutische Behandlung zu gehen. Ich selber habe nicht den Mut dazu. Ich weiß natürlich auch, dass es bestimmt besser wäre, in Behandlung zu gehen. Dennoch versuche ich es auf eigenem Weg.

Ich möchte mich auch bei meinen Eltern, meinem Freund und Jenny bedanken, dass Ihr immer für mich da seid. Ich hab Euch ganz doll lieb.

Mit dem Gedicht möchte ich nur sagen:

Wenn Du betroffen bist, setz' Dir ein Ziel und schweig Dich nicht tot. Wir können es alle schaffen.


 

Ich wollt ein Gedicht schreiben

Du fühlst sehr tief, was keiner sieht
Und kannst es doch nicht zeigen,
es kann nicht raus, wird überspielt
um Schmerzen zu vermeiden.

Du möchtest sprechen doch die Angst
raubt alle Deine Sinne.
Wer hört Dir zu, wer spricht denn schon
über solche ernsten Dinge?

Oft fühlst Du Dich von minderem Wert,
versuchst es zu verdrängen,
so lange bis die Seele bricht
und Zwänge Dich bedrängen.

Viele Seelen gibt's aus Glas
man kann sie meist nicht sehen,
weil sie verletzbar sind wie Du
nicht leicht durch's Leben gehen.

Wenn der Schmerz die Seele trifft
Dann baue keine Mauer,
öffne, offenbare Dich,
verliere Deine Trauer.

Spreche aus, was Dich bedrückt
und such den Weg zu Dir.
Rede wo der Andere schweigt,
Deine Seele dankt es Dir.

Silvie, 17 Jahre, inzwischen im freiwilligen sozialen Jahr

Traenen beim Essen

Ich bin 17 Jahre und leide auch seit ca. vier, fünf Jahren an der Essstörung Magersucht.

Erst habe ich gar nicht gemerkt, in was ich da reingeraten bin bzw. wollte es nicht war haben. Durch einen Schulwechsel fingen die Sorgen an. Meine Mitschüler hänselten mich nur weil sie der Meinung waren das ich viel zu viel Esse und nichts anderes tue. Sie knallten mir Worte wie Fressmaschine, Fette Kuh etc. an den Kopf.

Eigentlich, hatte ich nie sonderliche Probleme mit meinem Gewicht, ich fühlte mich wohl auch wenn ich etwas mehr auf den Rippen hatte.

Doch durch diese ständigen Kommentare dachte ich mir:

»DENEN WERDE ICH ES ZEIGEN!«

Ich aß also nichts mehr aber nahm trotzdem nur ein, zwei Kilo ab.

Dann lernte ich meine damalige beste Freundin kennen, die ich dann sehr beneidete um ihre schöne Figur. So war ich sehr motiviert und habe stark abgenommen. Irgendwie habe ich gedacht, wenn ich dünn bin wird alles besser.

Plötzlich gratulierten mir alle wegen meinen verlorenen Pfunden und diese Aufmerksamkeit tat mir gut und ich machte weiter. Eigentlich war ich schon über mein Wunschgewicht hinaus, aber das war mir irgendwann nicht mehr genug.

Doch dann wendete sich plötzlich das Blatt und sie beschimpften mich als Magersüchtige, Knochengerüst, Skelett usw. Doch ich fand mich immer noch zu dick.

Es kamen viele Probleme hinzu mein Vertrauen wurde missbraucht und ich badete nur noch in Schuldgefühlen und Selbstmitleid…

Ich hatte schon einen richtigen Selbsthass gegen mich entwickelt. Ich lernte auch einen Jungen kennen der Telefonterror bei mir machte, mich belästigte und beschimpfte, dass ich psychisch so am Ende war…

Brach paar mal auf der Straße zusammen bis ich schließlich ins Krankenhaus kam und man Magersucht dort feststellte. Um schnell wieder rauszukommen aß ich sehr viel und als ich dann entlassen wurde, waren die Kilos die ich dort zugenommen hatte wieder unten. Und selbst dann wollte ich mir meine Essstörung nicht eingestehen und es ging so weiter… Kreislaufprobleme, Haarausfall… blieb aber trotzdem untätig.

Was mich heute besonders ärgert, wenn ich mir schon früher helfen gelassen hätte. Selbst Freunde, Lehrerin, Bekannte etc. wollten es mir begreiflich machen aber nichts… Ich dachte nur das die alle spinnen. Heute weiß ich natürlich, dass sie Recht hatten.

Erst letzten Sommer wäre ich fast in die Bulimie gerutscht, habe aber gerade noch so die Kurve bekommen und habe dann eingesehen das es Zeit wird etwas zu tun.

Ich bin dann in eine Selbsthilfegruppe gegangen und jetzt bin ich in Einzeltherapie! Wo es mir sehr gefällt, habe auch eine ganz liebe und tolle Therapeutin. Der ich hier auf diesen Weg ein dickes Danke!!! sagen möchte.

Mit meiner Geschichte möchte ich anderen Betroffenen Mut machen und auch sagen:

Die Warnsignale eures Körpers solltet ihr unbedingt wahrnehmen!!!

Gefangen im Körper

Zum Schluss noch ein Gedicht:

 

 

Ich schreie, niemand hört mich.

Ich weine, niemand tröstet mich.

Ich rede, doch niemand antwortet mir.

Ich singe, doch niemand tanzt.

Ich sterbe, doch niemand denkt an mich.

Gibt es mich wirklich?

 

Mutmach-Gedicht von Kerstin

Ich bin Kerstin, 35 Jahre alt und leide seit etwa anderthalb Jahren an Bulimie. Ich meine, das fing alles schon viel früher an, aber so richtig kam die Sache erst im Herbst 2001 zum Ausbruch. Wann es genau angefangen hat, kann ich heute nicht mehr sagen.

Im September 2001 kam ich nach acht Monaten in San Francisco wieder auf den Boden der deutschen Realität, die mich mit aller Härte traf. Ich kam hier mit nichts mehr klar, erst recht nicht mit meinem Leben hier! Alles schien mir so spießig und langweilig, vor allem aber haben mich die vielen Regeln und Erwartungen, die an mich gestellt wurden, beinahe zum Wahnsinn gebracht!

Zwänge, Regeln, all das gab es in meinem kalifornischen Leben nicht. Ich musste niemandem Rechenschaft ablegen, konnte zum ersten Mal in meinem Leben Entscheidungen fällen, die ich auch selbst zu verantworten hatte. Und dann, urplötzlich war das alles wieder hinfällig!

Ich fing an, regelmäßig zu brechen - ich meine, alles, was ich gegessen habe! Es gab keine Mahlzeit, die ich bei mir behielt!

Mit meinem damaligen Freund klappte es auch nicht. Er behandelte mich wie ein Spielzeug, das bei Bedarf aus der Schublade gezogen wurde.

Eigentlich bin ich Zeit meines Lebens eine Art Rebell gewesen, eine starke Persönlichkeit, um die mich alle beneideten.

 

Gefühle auf Diät

(für Markus)

Gerade als meine Seele
am Zerbrechen war,
kamst Du und sagtest:
»Ich mag Dich«

Gerade als mein Körper
am Zerbrechen war,
kamst Du und sagtest:
»Du bist schön«

Gerade, als ich den Glauben
an die Menschen und an mich
verlieren wollte,
kamst Du und sagtest:
»Ich glaube an Dich -
bitte gib nicht auf«

 

Was lief schief? Ich kann es nicht sagen. Diese ganzen Eigenschaften schienen nun irgendwo unterwegs verlorengegangen zu sein.

Mein Freund eröffnete mir Anfang Januar, dass er eine andere Frau kennen gelernt hätte. Das war der Knackpunkt! Ich war so tief verletzt, dass ich 5 Tage lang gar nichts mehr gegessen habe, bis ich dann zusammenklappte. Ich müsste ihm eigentlich dankbar sein, denn an diesem Tag habe ich endlich den Mut gefunden, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die folgenden Wochen waren die härtesten meines Lebens. Darüber zu sprechen, Rückschläge einzustecken, blöde Kommentare entgegenzunehmen, erforderte alles von mir!

Feste Termine? Der reinste Horror. Ich habe bis heute Probleme, mich an solche Termine zu halten. Meistens sage ich kurz zuvor ab.

Ein anderes Problem ist mein Immunsystem - komplett im Eimer. Ich hab ständig Grippe, bin erkältet, etc.

Anfang Dezember 2002 lernte ich dann Markus kennen, einen Menschen, dem ich es eigentlich verdanke, dass ich überhaupt noch hier bin! Und noch vieles mehr! Er war ein Freund für mich und ist es bis heute noch!

Markus hat mich dazu provoziert zu schreien zu lernen und auch mal Kontra zu geben. Ich bin ihm wirklich sehr dankbar und wünsche mir, dass mich diese Freundschaft den Rest meines Lebens begleiten wird.

Meine Wohnung sieht aus, als ob ein Hurrican drin gewütet hat. ich bekomm es einfach nicht auf die Reihe, aufzuräumen und Ordnung zu halten.

Heute bin ich in ambulanter Therapie. Ich bezweifle, dass mir diese Therapie wirklich hilft, aber ich habe mittlerweile wieder die Kraft, meine »Batterie« selbst aufzuladen. Das Brechen wird nicht von heute auf morgen vollkommen verschwinden, aber für Depressionen gibt es momentan keinen Platz in meinem Leben!

Es war übrigens nicht leicht, diese Zeilen zu schreiben, denn bislang waren diese Dinge das bestgehütete Geheimnis meines Lebens. Aber auch das gehört eben zur Gesundung dazu, offen darüber zu sprechen.

Postkartenserie von Tine Drefahl

Tine Drefahl hat »Visuelle Kommunikation« studiert und setzt sich künstlerisch mit dem Thema Essstörungen auseinander. Sie hat eigene Erfahrungen in der Geschichte eines Suppenkaspers verarbeitet - in Form einer zehnteiligen Postkartenserie. Die Zitate zu den Bildern stammen übrigens aus meinem Buch über Essstörungen.

Zum Anschauen der Postkarten bitte das Bild anklicken!
Die Geschichte vom Suppenkasper

Micky, 27 Jahre

Ich bin 27 Jahre alt und mein Leben begann ab dem 15. Lebensjahr relativ schwierig zu werden.

Mit 15 Jahren wurde ich unbewusst magersüchtig. Als ich ziemlich wenig wog, fuhr ich mit meiner Clique drei Wochen nach Portugal auf eine Jugendfreizeit. Es wurden Fotos gemacht. Auf dem Foto erkannte ich, wie schrecklich ich damals aussah und wusste, dass ich mich ändern musste. Es war ein harter Kampf mit dem Kopf.

Nach einem halben Jahr hatte ich mein Gewicht mit Mühe wieder erreicht. Aber was geblieben war: Ich schaute immer noch in den Spiegel, hatte Kalorien im Kopf, vermied das Essen, was dick machte, wog mich regelmäßig, um über das Gewicht Kontrolle zu halten, und anderes. Wie gesagt, ich hatte noch die Essstörung.

In der Abizeit musste ich in einem Internat übernachten, was ich von Anfang nicht wollte. Durch die ständigen Anforderungen der Schule und das Heimleben hatte ich plötzlich Fressanfälle. Meine Gedanken kreisten ab dem Zeitpunkt (1993/1994) nur noch Sport, Essen, Hungern, Kalorienzählen. Es war so schrecklich, dass ich nicht mehr wusste, wie ich davon wieder wegkommen sollte.

Irgendwann konnte ich das alles nicht mehr für mich behalten und bekam Einzeltherapie. Ich wusste, so lange ich im Alltagsleben drin steckte, konnte ich mir selbst nicht helfen lassen. Ich wusste keinen Ausweg und wollte mein Leben beenden. Aber meine Familie, mein kleiner Bruder und Freunde, die zu mir gehalten haben, konnte ich nicht allein lassen.

1995 fiel ich in ein tiefes Loch und konnte nicht mehr. Ich wusste nicht, was ich hatte und wer ich war. Ich wusste nur eins: Ich muss aus dem Alltagsleben raus, und nur dann kann ich mir selbst helfen lassen. Ich sprach mit meiner Hausärztin. Ich schaffte mein Abi trotz der Essstörung und kam anschließend auf eigenen Wunsch in die Klinik für Essgestörte in Bad Oeynhausen.

Dort blieb ich drei Monate. Ich bekam striktes Sportverbot und erfuhr, dass ich Bulimie hab. Ich begann in der Kur, an mir zu arbeiten (schrieb Tagebücher, sprach mit anderen Patientinnen) und lernte, mit der Krankheit zu leben. Nach der Kur konnte ich ein fast normales Leben führen, aber es war ein harter Lernprozess und wird auch nie enden.

Wenn ich wieder mal eine Fressattacke hatte, dann wusste ich, woran es gelegen hat und überlege mir, was kann ich nächstes Mal besser machen. Ich lasse mich nicht mehr fallen und stehe wieder auf.

1999 war ich noch mal in der Kur für sechs Wochen, um weiter an mir zu arbeiten, und dort lernte ich meinen Freund kennen, mit dem ich heute noch glücklich zusammen bin.

Was ich von Anfang an sagen wollte: Ich hatte zwar viele verlorene Jahre (1991 bis 1996/1997). Aber diese Krankheit hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Ich mag mich sehr gerne, wie ich bin und würde mit keinem tauschen wollen.

Die Krankheit hat auch ihre gute Seiten, das sollte man im Auge halten. Wichtig ist auch, rede mit jemanden, was dich bedrückt. Es hilft sehr viel!

Ich kann mit der Krankheit leben, weil ich zu meiner Krankheit stehe und werde immer, glaube ich, essgestört bleiben.

Mit dieser Geschichte wollte ich den Betroffenen sagen:

Ihr seid nicht alleine, und gemeinsam sind wir stark.
Sei mutig und fange an zu leben!

Kontaktaufnehmen mit Micky, bitte hier klicken!

Melly, 26 Jahre, Medizinstudentin

Mein Name ist Melly, ich bin 26 Jahre alt, gelernte Krankenschwester und studiere derzeit Medizin im 6. Semester. Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr essgestört, also fand genau zu dem Zeitpunkt den »Einstieg«, als die wohl komplizierteste Zeit für einen jeden Teenie bevorstand: die Pubertät!

Lange Jahre wusste ich nicht, dass es für mein Essverhalten, meine Körperwahrnehmung und - ganz allgemein betrachtet - meine eher negative Einstellung zu meinem Körper und allem, was damit in Verbindung stand, einen Namen gab!

Erst als der Leidensdruck dermaßen groß war, da ich nicht mehr ein noch aus wusste, nahm ich eines der modernsten Kommunikationsmittel der heutigen Zeit in Anspruch: das Internet bzw. »das WWW«. Hier informierte ich mich erstmals, lernte meine Störung aus einer vollkommen anderen Perspektive zu betrachten - ja, ich kann sagen: Ich lernte erstmalig eine vollkommen »neue« Perspektive kennen!

Was ich dort entdeckte, war für mich sehr bedeutsam: viele Selbsthilfeangebote, Kommunikationsplattformen, Informationsseiten, Pinboards, und das zeigte mir, dass ich mit meinem Probleme nicht alleine war (bin)! Ich erkannte, wie hilfreich es sein kann, zu sehen und zu spüren, dass man verstanden wird, sich nicht erklären muss und über all sein Unbehagen offen reden kann!

Ich bin mir sicher, dass ich ohne der Zuhilfenahme, dieser Selbsthilfeangebote, nicht den Mut gefunden hätte, den Schritt zur Therapie und somit zum »Gesundwerden« zu tun! Dafür bin ich unendlich dankbar!

Nun habe ich mir überlegt, wie ich das, was mir damals so sehr geholfen hat - diese Hilfe, die mir zu teil wurde -, am effektivsten zurückgeben kann, auch um meine Dankbarkeit auszudrücken!

Somit habe ich mich entschlossen, ein eigenes solches online-Selbsthilfe-Angebot auf die Beine zu stellen: ein Forum zum Thema Esstörungen, in dem sich Betroffene, Angehörige und Interessierte über alles zum Thema austauschen können! Das Forum findet sich hier:

http://7340.forum.onetwomax.de/
Ich würde mich sehr über eure Unterstützung und einen Besuch freuen!

Maxi, 14 Jahre

AbsturzVor etwa acht Monaten hatte ich mir gaanz fest in den Kopf gesetzt abzunehmen!

Ich fand meinen Körper einfach nicht schön und verglich mich oft mit den anderen. Abnehmen wollt ich zwar schon länger aber nie soo stark wie zu diesem Zeitpunkt! Also fing ich an mein Essen zu reduzieren. Erst strich ich das Essen in der Pause, dann fing's auch mit dem Mittagessen an.

Ich hatte ständig großen Hunger. Als ich dann auch noch das Abendessen strich, merkte ich, wie ich langsam in Richtung Magersucht abrutschte. Doch ich war sooo stolz auf mich.

Ich habe dann auch ziemlich schnell abgenommen. Meine Mutter zwang mich dann regelrecht zum Essen, aber ich kam damit nicht klar!! Und war oft traurig und wütend!

Manchmal ließ es sich leider nicht vermeiden dass ich doch etwas essen musste und schon nach einem Bissen wurde mir soo übel, dass ich dachte, ich müsse mich übergeben!

Doch das tat ich nie. Mir war sehr oft schwindlig, ich hatte Kopfweh, und in der Schule konnte ich mich nicht mehr so gut konzentrieren! Ich schränkte mein Leben ein, wollte nicht mehr weggehen, wenn es dort etwas zu essen gab.

Beim Einkaufen war's auch immer schlimm. Diese ganzen Sachen haben mich so angeekelt. Aber ich war immer noch so stolz auf mich!

Ich glaube, das Ganze ging einen Monat. Also nicht lang. Dann fing ich wieder an zu essen. Ich weiß bis heute nicht warum.

Vielleicht einfach aus Vernunft! Erst ein bisschen dann mehr und irgendwann wieder normal! Obwohl ich 8 Kilo abgenommen und nicht wieder zugenommen hatte, war ich weiterhin unzufrieden mit meinem Körper.

Und wollte abnehmen, um jeden Preis!!!! Und irgendwann tat ich es einfach und steckte mir den Finger in den Hals, doch irgendwie konnte ich nicht richtig kotzen! Ich hab es jeden Tag versucht und dann endlich ging es, und ich war wieder soo stolz!!!

Ich glaube die ersten zwei Monate hab ich jeden Tag nur einmal, immer nach dem Mittagessen, aber dann wurde es immer häufiger.

Und ich fing regelrecht an zu fressen... Essen kann man da echt nimmer sagen! Und auch das wurde immer öfter. Ich hab bis zu sechsmal am Tag gekotzt.

Natürlich ging's mir nie besonders gut dabei. In dieser Zeit begann das auch mit dem Ritzen - es war so ein Teufelskreis:

Ich will nix essen - ich hab gegessen - ich hasse mich dafür
ich ritze mich - ich bin wütend und traurig
ich esse - kotze - ritzte....

Ich war fast immer traurig, deprimiert, genervt oder abweisend.

Hin und wieder wechselte ich mit Hungern ab. Das machte ich so lang, bis ich den Heißhunger nicht mehr ertragen konnte. Meine Mum bekam davon zuerst nichts mit! Aber nachdem ich ihrer Arbeitskollegin mein Problem anvertraut hatte, wollte sie es nach einiger Zeit dann doch meiner Mum erzählen, wegen der Verantwortung und so...! Meine Mum hat mich dann ein paarmal gefragt, ob ich noch kotz. Ich hab immer nein gesagt!

Weil ich nie richtig aufhören wollte und Angst hatte, sie zu enttäuschen - ich wollte ihr keine Sorgen machen! Aber irgendwann hat sie es dann doch rausgekriegt. Natürlich hat sie sich dann mehr Sorgen gemacht, als wenn ich es ihr gleich erzählt hätte, und sie war enttäuscht, verständlich!, und sauer auf mich! Ich hab sie dann wieder angelogen, und natürlich hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, weil sie mir ja bloß helfen wollte. Aber irgendwie kann man mir da nicht helfen.

Erst wenn ich gesund werden will, kann ich auch die Hilfe von anderen gebrauchen! Aber ich denk immer, so schlimm ist es jetzt auch nicht. Irgendwie ist es doch gut im Moment.

Ich möchte gar nix ändern, trotzdem hat sich alles ein wenig gebessert. Ich weiß aber nicht, woran es lag. Mein Verhalten ist immer noch essgestört, und ich kotz immer noch, weil ich das Essen loswerden will. Und ich hungere immer noch, weil ich um jeden Preis abnehmen will. Aber ritzen tu ich schon lang nicht mehr, und ich merk auch mir geht es damit viel besser.

Vor ein paar Wochen hab ich eine eigene Homepage gemacht...

http://www.beepworld.de/members54/black-or-white/

...um Betroffenen zu helfen. Und mir hilft auch. Ich hab einige Kontakte mit Betroffenen, und die sind alle echt nett und lieb!

Ich denke, dass irgendwann alles wieder normal wird. Doch im Moment bin ich noch lang nicht bereit, etwas zu ändern!

Desy, 14 Jahreabgemagert

Meine Geschichte beginnt im Oktober 2000.

Ich hörte auf zu essen. Es gab dafür verschiedene Gründe, aber ich möchte eigentlich gar nicht so viel preisgeben. Der Hauptgrund ist sicher ein sexueller Missbrauch, den mein Primärschullehrer auf mich augeübt hatte. Ich wog am Anfang etwa 32 Kilo und war idealgewichtig. Nachdem ich zuerst ein paar Wochen gekotzt hatte, entschied ich mich fürs Hungern. Es war ganz leicht. Ich war immer total stolz, wenn alle anderen aßen, und ich nicht. In dem Moment war ich stark, und alle anderen Versager...! Sonst war ich die Versagerin.

Nach ca. drei Monaten hatte ich satte 8 Kilo weniger, wog also 24 Kilo, und kam in eine Klinik. Die konnten mich nicht zum Essen zwingen. Auch als sie mir schließlich drohten, ich würde zwangsernnährt, aß ich nicht. Dann stellte man mir ein Ultimatum: Entweder ich aß von jeder Portion ein Viertel, oder ich würde meine Eltern lange nicht mehr sehen dürfen!!!

abgemagertIch wäre beinahe aufgestanden und hätte diesem Arzt eine geklebt. Aber ich konnte mich beherrschen! Ich tat so, als wenn ich einverstanden wäre. Jeden Tag bestellte ich zum Frühstück Cornflakes. Fast alles verschwand in meinen Hosentaschen und später im Koffer, und einige Flakes ass ich. Auch vom Mittag- und Abendessen verschwand der größte Teil in meinem Koffer. Irgendwann hiess es: Du kannst nach Hause gehn! Ich hatte zwar »nur« 2 Kilo zugenommen (und das war zum Teil Wasser; ich trank vor dem Wiegen immer ungefähr einen Liter Wasser). Aber diese Arschlöcher (sorry!!!) glaubten im Ernst, mich gesund gemacht zu haben. Ich ging nach Hause und hungerte wieder frisch und fröhlich weiter, wo ich letztes Mal »aufgehört« hatte.

Nach kurzer Zeit wog ich noch knapp 21 Kilo und es machte mir Mühe zu gehen. Ich hätte das niemals zugegeben, und trieb sogar noch Sport wie eine Blöde. Ich aß und trank nicht mehr. Wenn ich trank, kam mir Wasser salzig vor, weil meine Geschmacksnerven schon Schaden genommen hatten. Meinen eigenen Speichel spuckte ich aus, weil ich Schiss hatte, zuzunehmen. Meine Eltern machten sich irre Sorgen, weil sie mir zusehen mussten, wie ich immer schneller verfiel und der Todesgrenze immer näher kam.

Irgendwann wurde ich eingewiesen. In die Kinderklinik Zürich. Im Eintrittsgespräch wurde ich gefragt, ob ich nochmals nach Hause gehen würde, eiskalt sagte ich : »Klar.«

Nichts da. Ich hatte Pech. Als die mich untersuchten, stellten sie fest, dass ich nicht mal mehr 20 Kilo wog, kaum gehen konnte, halb verdörrt war und keinerlei Reaktionen zeigte, wenn man mir mir Gummihammern auf die Knie schlug. An die Worte des Arztes, die an meine Mutter gerichtet waren, kann ich mich noch genau erinnern:

»Tut mir Leid. Ihre Tochter stirbt morgen oder übermorgen, wenn wir sie nicht sofort ärztlich betreuen. Sie können sie nicht mehr nach Hause nehmen.«

Ich wollte schreien. Aber ich war zu schwach. Ich fühlte meinen Körper nicht mehr, ich war nur noch die Seele. Am nächsten Morgen wurde ich nochmals gewogen und untersucht.

Ich wog 18 Kilo.

Als ich diese Zahl sah, war ich glücklicher als je zuvor.
Endlich hatte ich es geschafft.
Ich war so leicht wie ein Kleinkind.

Ich war rein, leicht und halbtot.

Es gab Mittagessen. Ich aß nichts. Es gab Zwischenmahlzeiten. Ich aß nichts. Ich aß und trank sowieso nichts. In dieser Nacht war ich klinisch tot. Mein Herzschlag setzte aus. Ich lag in meinem Bett, angehängt an Schläuche und an einem EKG-Monitor, der die Herzschläge überprüft. Und ich spürte nichts. Ich hörte nur ein weit entferntes Piepsen des Monitors. Am nächsten Tag kamen die Ärzte und sagten mir, dass es so nicht weitergehen könne. Sie sagten, dass sie mir nun helfen würden. Ich wusste nicht, was das bedeutete. Noch nicht.

Zwei Stunden später wusste ich es, als ich mit schmerzender Nase, wundem Rachen und Tränen in den Augen wieder auf meinem Bett sass. Alles war zerstört. Mein ganzer Kampf gegen das Gewicht war vergebens. Alles vernichtet. Mit einer Tat. Mit der Magensonde. Ich fühlte mich schlecht, und ich wünschte mir mehr als je zuvor, tot zu sein. Jetzt würde ich wieder fett werden. Fett und eklig. Wie früher. Doch alles entwickelt sich weiter. Ich mich auch. Nachdem ich mich einen Monat nicht bei meinen Eltern gemeldet hatte, rief ich meine Ma an. Es war ein kurzes Gespräch, aber ich war froh, Mas Stimme zu hören. Sie hatte mir gefehlt. Mir ging es schlecht. Geistig. Körperlich ging es mir besser, ich hatte dank der Sonde zugenommen und konnte wieder besser gehen. Lachen? Nein, ich konnte nicht mehr lachen. Aber ich strengte mich an. Ich gab mir große Mühe, wieder gesund zu werden. Nach 3 Monaten nahm man mir die Sonde endlich raus, und ich fing an zu essen. Ich aß nie viel. Aber ich aß. Bei meiner ersten Mahlzeit wäre ich fast gestorben. Ich saß da, hielt meine Gabel in der Hand und dachte: »Halte ich meine Gabel überhaupt richtig?«

Tränen rannen über mein Gesicht. Ich kämpfte mit der Stimme in meinem Kopf und gewann für einen kleinen Moment die Macht. Ich aß zum ersten Mal in 4 Monaten etwas. Ich steckte mir eine Gabel Tofu ganz vorsichtig in den Mund. Es schmeckte wie Pappe - einfach ekelhaft. Nach 4 Monaten Aufenthalt wurde ich entlassen. Ich war noch immer untergewichtig, aber es ging mir besser. Jede Woche musste ich zur Kontrolle. Ich hatte immer so furchtbare Angst vor dem Moment, in dem ich auf der Waage stehen würde. Ich hatte nicht Angst zu viel zu wiegen, sondern zu wenig. Ich wollte nicht mehr untergewichtig sein.

Innerhalb von einigen Wochen schaffte ich es, auf mein Minimalgewicht zu kommen. Mehr wollte ich nicht wiegen, denn ich fand mich schön so und war zufrieden mit mir. Eine Zeit lang ging alles gut, doch dann traf ich meinen Peiniger. Meine ganze kleine Balance brach zusammen. Ich hungerte wieder. Ich wollte nicht, aber ich konnte nicht aufhören. Ich musste. Ich fühlte mich wieder dreckig und unnütz. Ich wollte sterben.

Ein ganzes Jahr ging das so, es gab gute, und es gab schlechte Tage. An den guten Tagen, schaffte ich es manchmal, etwas zu essen. An den schlechten aß ich vielleicht einen halben Apfel.

Dann wurde ich wieder in die Klinik eingewiesen. Diesmal mit 24 Kilo. Ich ging freiwillig.

Ich konnte und wollte nicht mehr kämpfen.
Ich hasste mein Leben, und ich wollte endlich wieder gesund sein.
Ich hatte keine Lust mehr, Kalorien zu zählen, wenig zu essen
und wie eine Irre Sport zu treiben.

Ich wollte endlich wieder das Leben einer normalen 12-jährigen leben.

Ich war doch noch jung, ich hätte noch so viel erleben können. Warum hatte ich mir das alles kaputt gemacht?

Das waren meine Gedanken! Ich glaubte ersthaft daran, zu sterben. Ich glaubte es, aber ich WOLLTE NICHT!!! Ich fing schon in den ersten Tagen an zu essen. Ich hatte ein grosses Erfolgserlebnis:

ICH WAR STOLZ AUF MICH,
ETWAS GEGESSEN ZU HABEN UND
NICHT NICHTS GEGESSEN ZU HABEN!

Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich manchmal so richtig Lust auf Süsses. Dieser Auffenthalt sollte ein kurzer werden. Ich blieb nur zwei Monate, und diesmal ging es ohne Sonde. Ich wollte gesund werden - und ich bin gesund geworden.

Heute kann ich fast normal essen. Nur fast, weil ich immer wissen muss, wie viel ich esse, ich brauche das einfach. Aber das ist nicht weiter schlimm. Auf Eis verzichten? Das ist heute unmöglich für mich.

Nachtrag vom 25. Oktober 2003 zu Desys Geschichte:

Die Magersucht hatte ich also überwunden…

Doch vorbei war mein Horrortrip noch immer nicht. Angefangen hat alles vor über einem halben Jahr. Schon damals war ich ein halbes Jahr unsterblich in Colin, einen Jungen aus meiner Klasse, verliebt gewesen. Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis, fast wie Freund und Freundin oder Bruder und Schwester. Er wusste nichts von meinen Gefühlen. Ausgerechnet meine beste Freundin Irina schnappte mir Colin weg.

An einem Montag in den Ferien war ich mit Irina verabredet. Sie hatte es mir nicht sagen wollen, aber durch ihre Schwester erfuhr ich, dass sie damals schon vier Tage zusammen waren. Mein Herz brannte, als ob es in Flammen stünde. Ich empfand nur noch Hass für die Zwei.

Ich kam auf die Idee, mich selbst zu verstümmeln.
Mit Rasierklingen, Messern und Scherben
schnitt ich mich in die Arme.

Ich schnitt tief, so tief, dass ich heute wulstartige Narben habe. Ich schnitt mich täglich, manchmal jeden Tag ungefähr fünfmal. Ich empfand einen Schmerz, aber er war schön. Angenehm und lindernd, Herzschmerz lindernd.

Jedes Mal konnte ich anschließend wieder tief durchatmen und mich für Minuten frei fühlen, frei von diesem Drang, von diesem Druck. Ich schnitt mich nicht nur wegen Colin, sondern mittlerweile wegen allem und jedem. Ich konnte nicht mehr aufhören. Wenn mich jemand beschimpfte, musste ich mir eine Scherbe in den Arm rammen…

Jedes Mal musste ich es tun, wenn dieser Druck in mir hochkam.
Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben.
Es ist unbeschreiblich schön…
und unbeschreiblich hässlich.

Danach fühlte ich mich zwar eine Weile besser, aber dann kamen die Gewissensbisse und Schuldgefühle. Ich weiss nicht einmal, wem gegenüber ich die empfand, sie waren einfach so da.

Ich lachte nicht mehr, meine schulischen Leistungen sanken ab und ich wurde immer depressiver. Jeden Tag dachte ich an Suizid, und öfters stand ich kurz davor. Ich weiß bis heute nicht, was mich davon abgehalten hat. Schließlich wechselte ich den Therapeuten und musste wöchentlich hingehen.

Im Juli dann bekam ich Antidepressiva. Länger hätte ich es nicht ausgehalten. Da war ich wirklich depressiver als mit 18 Kilo in der Klinik.

Über die Sommerferien sah ich Colin selten und Irina nie…

Langsam ging es mir besser, ich schnitt mich zwar noch häufig, aber viel geringer als vorher. Mit der Zeit schnitt ich nur noch wöchentlich und schließlich gar nicht mehr. Ich habe mich das letzte Mal am 18. August geschnitten und ich bin sehr stolz, das ich es geschafft habe.

Mittlerweile sind Irina und Colin getrennt. Das ist mit ein Punkt, warum es mir so gut geht. Mir geht es momentan wirklich sehr gut, wahrscheinlich ging es mir seit drei Jahren nie besser. In der Schule kann ich wieder Leistungen erbringen und ich habe Spaß am Leben.

Momentan stehe ich zwar noch unter Einfluss des Antidepressivums, aber ich glaube, das sich an meinem Befinden auch ohne dieses Medikament nichts ändern wird.

Ich habe mich geändert.
Meine Einstellung und mein Denken
sind viel zuversichtlicher und positiver geworden…
…und das, das kann man nicht mit Pillen ändern!!!

Jessica

don's say nothing

Dies ist ein langer, authentischer Beitrag zur Problematik der Selbstverletzungen.

Die Autorin, die auch von ihren Depressionen berichtet, hat keine Essstörungen. Aber sie beschreibt sehr plastisch, was sie empfindet und warum sie »schnippelt«.

Da sich auch manche Mädchen und Frauen mit Magersucht und Ess-Brech-Sucht selbst verletzen, habe ich diese Beiträge auf diese Seite mit aufgenommen.

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Selbstverletzungen

Seit dem 24. Juli 2003 befinde ich mich in Therapie. Eine Diagnose wurde noch nicht gestellt, aber meine Psychologin sagt, dass alles auf Depressionen hinweist.

Angefangen haben sie etwa mit 14 oder 15 Jahren, also in der Pubertät. Damals war das alles noch nicht so schlimm wie jetzt. Wann es überhaupt so schlimm wurde, kann ich nicht mal genau sagen. Lange glaubte ich, dass diese »Phasen« normal seien, dass jeder mal so »schlecht drauf« ist. Bis mich meine Mitbewohner, mit denen ich jetzt 4 Monate zusammen lebe, eines besseren belehrten.

Zur Zeit befinde ich mich in einer sehr merkwürdigen Stimmung. Es ist wie Stillstand. Es geht mir nicht wirklich schlecht, aber gut geht es mir auch nicht. Ein Gefühl von Leere macht sich in mir breit, ich fühle mich von meinen Gefühlen abgeschnitten. Ich kann dieses Gefühl noch nicht genau einordnen, ich frage mich, ob das schon die Depression ist, oder nur der Anfang, oder ein Vorbote.

Genau jetzt wünsche ich mir eine Depression herbei, so paradox das auch klingen mag. Am Anfang, da fühle ich mich endlich wieder lebendig! Das ist schwer zu verstehen, auch für mich. Aber dann fühle ich endlich wieder! Ich mache mir Gedanken, fange an zu grübeln. Das macht mich kreativ, ich schreibe dann viel: Gedichte und Geschichten. Diese handeln dann natürlich von düsteren Dingen.

Ich versuche, die Welt zu erklären; ich versuch, mich zu erklären und meine Gefühle. Nur hat alles einen negativen Anklang. Dennoch, ich fühle mich einfach viel sensibler. Für sämtliche Dinge… das Licht ist heller, das Dunkel dunkler, Gefühle sind intensiver. Ich fühle, dass ich lebe!

Leider hält dieser Teil der Depression nicht lange an. Dann kommt der unproduktive, der zerstörerische Teil. Dann fühle ich einfach nur Leere. Ich bin ein Nichts, kalt und leer. So, wie ich mich jetzt grad fühle, aber doch irgendwie anders. Es ist schwer zu erklären.

Will ich mich dann wieder spüren, hilft mir nur die Klinge. Das kann ich nicht kontrollieren. Es ist wie ein programmierter Ablauf. Ich sehe zwar, was ich tue. Aber ich denke darüber nicht nach. Ich realisiere es meist erst sehr viel später.

Im Gegensatz zu vielen anderen, die sich selbst verletzen, fühle ich mich dann nicht schuldig, sondern befreit.

Wenn ich die Klinge an meinen Unterarm setze,
und sehe wie die Haut aufspringt und mein warmes Blut über meinen Arm läuft,
dann spüre ich,
dass ich nicht leer bin, nicht kalt bin.

Dann sehe ich, dass ich noch da bin.
Und ich fühle mich besser.

Ich weiß, dass das keine Lösung ist, aber es hilft mir.

Aber das ist nicht die einzige Situation, in der ich mich schneide. Manchmal bin ich so verzweifelt, weil ich mit meinen Gefühlen nicht klarkomme, weil irgendetwas passiert ist, oder weil ich Unruhe in mir spüre. Dann baut sich ein riesiger Druck in mir auf, der mir die Luft zum Atmen nimmt. Meine Tränen ersticken mich, weil sie irgendwann nicht mehr raus können. Manchmal ist es so schlimm, dass ich das Gefühl habe, von innen zerrissen zu werden. Auch dann hilft mir die Klinge.

Wenn ich mich schneide, kann der ganze Druck endlich nach draußen. Ich finde keinen anderen Weg mehr, meine Gefühle auszudrücken. Wenn ich bedenke, dass ich es noch gar nicht lange tue, seit 3 Monaten etwa, wundert es mich, dass ich mich nicht erinnern kann, wie ich früher damit umgegangen bin. Ich weiß es einfach nicht mehr.

Meine Depressionen zu beschreiben ist sehr schwer. Weil sie sich immer unterschiedlich zeigen. Mal Leere, mal eine Überschwemmung mit negativen Gefühlen. Mal Mattheit, mal Schlafstörungen. Mal kann ich weinen, mal sind meine Tränen aufgebraucht.

Es fällt mir schwer, mich zu irgendetwas aufzuraffen. Ich muss mich zwingen, morgens aufzustehen, mich zu pflegen, irgendetwas zu tun. Ich möchte nicht rausgehen, am liebsten würde ich mich in meinem Zimmer verkriechen. Ich möchte keine Leute sehen, ich kann sie um mich herum nicht ertragen. Ich kann mich nicht konzentrieren, ich kann keine Entscheidungen treffen, egal worum es auch geht. Sachen, die mir sonst Spaß machen, interessieren mich nicht. Sogar wenn ich viel zu tun haben (zum Beispiel lernen müsste), habe ich ein lähmendes Gefühl von Langeweile. Es lässt sich auch schwer beschreiben, was genau ich fühle, und worüber ich mir dann ständig Gedanken mache. Vielleicht hilft ja eines meiner Gedichte, es ein bisschen zu verstehen:

Verratenes Selbst

Schwarze Seele
vergraben im Nichts
sucht ihre Freiheit
findet sie nicht

Masken ganz starr
begleiten den Schritt
immer nach vorn
kein Stück zurück

 

 

Eiskalte Erde
tiefrot von Blut
erinnernde Blitze
schüren die Glut

Es gibt kein Entrinnen
es gibt kein Versteck
es ist in dir drinnen
schmutzig wie Dreck

Klarer die Bilder
Zu lange die Zeit
hast dich getötet
doch nicht befreit

 

 

Bist grau wie die Masse
allein unter Fremden
dass er dich fasse
bei deinen Händen

Klarer die Stimmen
du existierst nicht mehr
nur eine leere Hülle
einsam wie das Meer

Worauf wartest du noch
du bist doch längst tot
nimm seine Hand
er führt dich fort

 

 

 

 

an einen gefühllosen Ort

Um jetzt Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe keine Selbstmordgedanken. Ich denke zwar über Selbstmord nach, aber ich würde mich niemals selbst töten. Ich habe Angst vorm Tod, Angst etwas zu verpassen, und ich will meine Familie nicht verletzen.

Noch befinde ich mich etwas in der Schwebe, weil ich nicht weiß, wie sich alles weiter entwickeln wird, und was mir die Therapie bringt. Aber ich hoffe, dass ich irgendwann einsehe, dass ich krank bin, und dass ich mit »Normalität« umgehen lerne.

Denn bisher ist mein Leben von Extremen bestimmt. Ich kann höchste Verzückung erleben… Liebe und alles… so wie es »normale« Menschen niemals spüren können.

Die andere Seite ist, dass ich mich am Rande der Hölle bewege.

»Zum Empfinden des Himmels
bedarf es immer auch der Erfahrung des Höllischen«

Warum habe ich angefangen mich zu schneiden? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich habe darüber gelesen, da dachte ich noch, das könnte ich mir niemals antun… Ich hab doch Angst vor Schmerzen! Nur hab ich schon früher an Wunden rumgespielt, hab sie wieder aufgekratzt und nicht heilen lassen. War das was anderes? Ich weiß es nicht.

An einem Abend, es ist jetzt etwa zwei Monate her, war ich sehr schlecht drauf, mir ging es wirklich mies. Ich musste weinen, und wusste nicht warum. Mir war alles zu viel, und ich wusste nicht, was ich tun soll. Und da lag das Messer, womit ich mir vorher einen Apfel aufgeschnitten hatte. Warum ich es getan hab, kann ich nicht sagen.

Ich hab gar nicht nachgedacht. Ich wollte wohl sehen, ob es hilft, so wie es einige geschrieben haben. Und es half tatsächlich. Ich wurde ruhiger, konnte wieder klarer denken, es ging mir wirklich besser. Ich kann nicht beschreiben, wie es besser wurde, oder warum. Es war einfach so. Endlich eine Möglichkeit, wie ich meinen Schmerz, den ich in mir fühlte, ausdrücken konnte.

Es fing relativ harmlos an. Das Messer war nicht sehr scharf, ich hatte mich nur ein bisschen geritzt, es blutete kaum. Aber irgendwann kaufte ich mir Rasierklingen. Auch darüber dachte ich nicht nach. Ich nahm sie einfach mit, es war so alltäglich, als würde ich Butter kaufen. Zu wissen, dass ich sie da hatte, beruhigte mich. Aber es entstand auch ein Drang, zu sehen, wie es sich anfühlt.

Erst traute ich mich nicht, aber ich versuchte es trotzdem. Und es tat wirklich weh! Es war wieder nur ein kleiner Ritzer, von dem auch keine Narbe blieb, aber es brannte furchtbar.

Warum es so weh tat? Weil es mir nicht schlecht ging - ich war nicht in dem Zustand wie beim ersten Mal. Da war meine Angst vor Schmerzen wieder präsent, und ich dachte mir, dass ich mir das nie wieder antun könnte.

Aber die nächste schlechte Phase kam, und ich nahm wie automatisch die Klinge, und ritzte mir wieder in den Unterarm. Je öfter ich es tat, um so tiefer wurden die Schnitte.

Mittlerweile schneide ich mich wirklich, es sind schon einige Narben dadurch entstanden. Zwischendurch habe ich mal kurz aufgehört, drei Wochen etwa. Das war noch am Anfang, wo keine Narben entstanden sind. Aber auch nur, weil einige Familienfeiern bevorstanden. Ich war richtig froh, als ich wieder zur Klinge greifen konnte, obwohl ich dachte, dass das der Anfang vom Aufhören sein könnte. Denn schlimm war es ja noch nicht.

Aber jetzt ist es schlimm. Manchmal merke ich gar nicht, was ich tue, und realisiere es erst hinterher. Manchmal mach ich es aber auch in vollem Bewusstsein. Ich kann es nicht erklären, aber in diesen Situationen tut es nicht weh. Es tut einfach nur gut. Das Blut zu sehen, zu sehen, dass man nicht »leer« ist, oder zu fühlen, wie das Gefühlschaos sich langsam auflöst.

Es ist paradox… manchmal fühle ich mich, als wäre ich von meinen Gefühlen wie abgeschnitten, mir ist alles egal, keine Freude, keine Trauer, nichts, alles ist monoton. Alles ist total leer. Dieses »Gefühl« ist schrecklich! Dann schneide ich, damit ich sehe, dass ich nicht leer bin, dass da noch was ist in mir.

Und manchmal, da werde ich mit Gefühlen überhäuft, alles stürzt auf mich ein, ich weiß nicht, wie ich diesen Gefühlen Ausdruck verleihen soll. Sie zerreißen mich von innen, meine Tränen ersticken mich. Dann brauche ich die Klinge, um mich wieder beruhigen zu können.

So fing es an, und so wird es weitergehen, bis ich einen anderen Ausweg lerne. Aber so weit bin ich noch lange nicht. So lange ich merke, wie das Schneiden mir hilft, und nicht wirklich einsehe, dass es mir mehr schadet, als hilft, so lange werde ich es noch tun…

Biene, 36 Jahre, 2 Kinder

Angst!

Ich bin 36 Jahre alt und mein Leben war immer sehr schwierig.

Mit zwölf Jahren fiel das erste Mal jemanden auf, dass ich viel zu wenig aß, da ich zu dieser Zeit ins Heim kam und das erste Mal regelmäßig essen musste. Nach einer Zeit gewöhnte ich mich dran, nur war immer ein gewisser Ekel dabei. Und ich hasste das Essen, aber auffallen wollte ich auch nicht, da ich auf mich gestellt war. Meine Eltern habe ich ab diesem Tag nicht mehr gesehen.

Meine Essstörung brach wieder aus, nachdem mein Ex-Mann mich verprügelt und vergewaltigt hat. Danach war mir alles egal. Ich hörte auf zu essen und nahm Abführmittel. Dies ging dann etwa acht Wochen »gut«. Irgendwann wurde ich von Freunden und Eltern aus der Schule angesprochen, ob ich krank wäre. Ich schob alles auf eine Magen-Darm-Grippe, am Anfang glaubten mir die Leute das noch.

Bei einem Elternabend gab mir eine Mutter die Adresse von der ambulanten psychosomatischen Auffangstation. Im ersten Moment dachte ich: Was will ich da? Aber sie hatte Recht: Ich musste ja an meine Kinder denken, und so rief ich an. Mein erstes Gespräch war der Horror, sie wollte mich sofort da behalten. Sie sagte: »Wollen Sie Selbstmord auf Raten machen? Da schaue ich nicht zu.«

Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Aber sie hatte Recht, und so fing ich an zu kämpfen. Die Psychologin rief fast jeden Tag an. Zum nächsten Termin überlegten wir, was ich tun kann, da ich meine Kinder mitnehmen wollte, wenn ich in eine Klinik ging. Ich holte Unterlagen für eine Reha und fragte nach Betreuung in den einzelnen Rehas nach. Es fand sich schnell eine Klinik, die mich akut mit Kindern aufnahm. Da blieb ich etwa vier Monate. In dieser Zeit reichte ich meine Scheidung ein.

Ich wusste plötzlich wieder was ich wollte, und ich habe das erste Mal Leute kennen gelernt, die auch über ihre Erlebnisse erzählten und mir glaubten. Genau zwei Monate ging es zu Hause gut, danach fing ich wieder an abzunehmen.

Meine Ärztin wies mich wieder ein, da ich starke Herzrhythmusstörungen bekam und vollkommen ausgetrocknet war.

In der Reha warteten schon alle auf mich. In dieser Zeit suchte ich mir eine Arbeit und eine neue Wohnung. In den Therapien fing ich das erste Mal an zu reden. Die Leute waren begeistert, danach war ich nur noch »der Löwe« (da ich vom Sternzeichen her Löwe bin, durch und durch).

Diesmal musste ich nach dreieinhalb Monaten raus, aber ich war gut vorbereitet. Dachte ich! Durch die Therapien war ich ziemlich verwundbar geworden, ich kam mir vor, als hätte ich manche Fähigkeiten verloren. Die Arbeit erwies sich als anstrengend, und so nahm ich wieder ab.

Natürlich hatte ich in dieser Zeit auch Einzeltherapie, und dazu musste ich auch noch zwei Kinder versorgen. Meine Therapeutin stand total hinter mir. Das war mein Glück. Sie kannte mich ja schon aus der Klinik.

Trotz der schweren Rückfälle machte ich weiter. Meine Scheidung war durch, und ich hatte fast ein Jahr ohne Klinik geschafft. Dadurch dass ich längere Zeit krankgeschrieben war, wurde mir wieder ein Reha-Aufenthalt angeboten.

Im ersten Moment dachte ich: Nie und Nimmer, da ich diesmal ohne Kinder fahren sollte, sogar mein Termin stand schon fest. Meine Therapeutin und Sozialarbeiterin redeten auf mich ein, und ich musste mich entscheiden. Na ja, erst mal verschob ich den Termin, da ich noch keine Betreuung für die Kinder hatte. Ich fragte die Tagesmutter, die sagte sofort, ja. Jetzt gings ans Packen. Es war ein Alptraum, aber ich musste an meine Kinder denken.

In der Reha angekommen, kam ich mir vor, als wäre ich im verkehrten Film. Alle Leute nahmen sich in den Arm, manche heulten, Wahnsinn, alles, was ich nicht wollte. Ich hatte nur noch Angst und dachte: Hoffentlich kommt mir keiner zu nahe! Vorsichtshalber habe ich meine Koffer nicht ausgepackt, aber die Leute blieben hartnäckig, vor allem meine neue Therapeutin (die ich immer noch habe).

Ich nahm an allen Therapien teil, obwohl es in diesen Therapien viel um Nähe ging, was mich oft verrückt machte. Ich sagte immer:

    »Erst wenn ich sauber bin, darf mich jemand in Arm nehmen.«

Meine Therapeutin versuchte jeden Tag, mich zu überzeugen. Sie hatte mich zu einer Gruppentherapie überlistet. Aber aus der heutigen Sicht war es gut. Nachdem ich es zuließ, meinen Körper zu spüren.

Hände

Ich fing an zu Leben, obwohl mir so vieles fremd war. Aber es war schön, was mit zu kriegen. Da ich oft die Welt wie durch einen Schleier gesehen und selten etwas gespürt habe und mich ständig schnitt.

Nach und nach wurde es besser, und ich versuchte mein Leben zu konstruieren, indem ich es aufschrieb.

In dieser Klinik blieb ich etwa fünf Monate. Meine Rückfälle wurden immer weniger. Ich meldete mich im Sozialdienst und half in der Tagesstätte mit; mein Antrag auf Umschulung lief auch. Ich musste viele Ärzte, und viele Tests über mich ergehen lassen. Aber die Pflegerinnen und Pfleger von der letzten Klinik standen voll hinter mir, sie schrieben mir und riefen oft an. Das tat echt gut.

Ich habe jetzt eine neue kleine Family, aber lieber spät als nie. Die vielen Fragebögen waren echt frustrierend. Manchmal wusste ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Aber ich dachte, ich schaffe das schon, weil ich leben möchte und natürlich auch noch was schönes erleben möchte. Trotzdem der Weg schwer ist, weiß ich, dass Aufgeben nicht die Lösung ist und dass mein Kampf noch nicht zu Ende ist.

Ich nehme noch immer regelmäßig an meiner Einzeltherapie teil, und bin meiner Therapeutin sehr dankbar, dass sie zu jeder Zeit zu mir steht und für mich da ist, egal wann ich mich melde. Jedem, der glaubt, es geht nicht mehr, möchte ich sagen: Es kommt überall ein Licht her, man muss nur hinschauen, auch wenn's wehtut.

Mein letzter Klinikaufenthalt war im Jahr 2001, und ich bin froh, dass ich diese Zeit überstanden habe. Ich habe gelernt, Menschen zu vertrauen, Hilfe anzunehmen, ohne Gegenleistung geben zu müssen. Ich habe Menschen kennen gelernt, die zu mir stehen und mich lieben, so wie ich bin. Kann meine Kinder in den Arm nehmen und ihnen Geborgenheit vermitteln.

All das wäre mir nicht möglich gewesen, wenn ich meiner Essstörung die Macht gelassen hätte, wenn der Tod hätte mich eingeholt:

Jetzt gehe ich MEINEN Weg!

Biggi, 31 Jahre, 2 Kinder

Mein Name ist Biggi, ich bin 31Jahre alt und leide seit meiner Kindheit an Essstörungen. Wann es genau begann, kann ich gar nicht sagen. Hätte man mich vor einigen Wochen gefragt, hätte ich geantwortet: Ich leide seit 13 Jahren abwechselnd an Magersucht und Bulimie. Vielleicht auch eher Fress-Sucht? Weil ich mir nicht den Finger in den Hals stecken kann. Heute weiß ich jedoch, es hat schon viel früher begonnen.

Durch die häufige Abwesenheit meiner Eltern holte ich mir meine Liebe von den Großeltern - in Form von Süßigkeiten. Gab es keine, wollte ich halt Geld. Auch das ging komplett fürs Essen drauf. Wenn es hieß: »Gib deiner Schwester was ab«, nahm ich oft statt einer Packung Kekse drei oder vier. So bekam sie auch eine halbe Schachtel.

Als ich das erste Mal von einer Tante zu hören bekam, dass meine Schwester so eine hübsche dünne, junge Dame geworden sei und ich ein kleines, süßes Moppelchen, war es ein Schlag mitten in mein Gesicht. Eine ganze Welt brach für mich zusammen, als mein Körper dann auch noch anfing sich richtig zu entwickeln - früher als bei den anderen Mädels, und auch heftiger. Ich brauchte schon einen BH in C-Größe, da wussten die Anderen nicht mal, dass es so was gab.

Somit war mein Werdegang für mich klar: ich fing mit knapp zwölf an zu rauchen, um abzunehmen. Cool war das auch, denn nun stach ich aus der Menge. Bald darauf habe ich mich in Alkohol ertränkt; war cool; unantastbar; für alle Jungs ein super Kumpel; viele Mädels hatten Angst vor mir, oder nur Respekt.

Ich stand im Mittelpunkt. Endlich.

In den Vollrauschzeiten verletzte ich mich mehr und mehr selbst. Als die Clique auseinander brach, wartete die nächste auf mich. Drogen wurden für mich etwas Alltägliches. Von Tag zu Tag nahm ich mehr.

Ich bekam wieder meine Anerkennung, denn ICH konnte den besten Joint bauen. ICH konnte mit den anderen mithalten.

Meine Zerstörungswut gegen mich selbst wuchs. Ich konnte mich nicht leiden, hasste meinen Körper. Alle anderen waren doch so perfekt. Nur ich sah aus wie gewollt und nicht gekonnt, dachte ich. Ich schmetterte meine Hände gegen Wände, schlug auf meine Beine ein um blaue Flecken zu bekommen. Dachte an Selbstmord. Überlegte mir, wie ich es machen könnte, dass alle es sehen.

Endlich im Mittelpunkt stehen, richtig wichtig sein.

Doch der »Mut« dazu verließ mich immer wieder. Mein Gedanke? »Nicht mal dazu bist du fähig!!!«

Ich wechselte meine Freunde wie andere Leute ihre Unterwäsche. Wenn sie zu viel wollten, ließ ich sie in die Wüste gehen. Schoss sie einfach ab. Bis ich an einen Mann kam, der trotzdem alles wollte. Erst mit Bitten und lieben Worten, dann kam die Gewalt. Der liebe Gott schickte mir wohl meine Freundin, denn die klopfte immer energischer an die Tür. Zwang uns zu öffnen. Fast hätte er mir eine Vergewaltigung angetan, und ich gab mir die Schuld dafür. Er beschimpfte mich, schrie mich an: Ich sei es nicht wert. Ich sei ein Nichts.

Ich wollte aber Jemand sein. Und wenn es sein muss, gebe ich halt meinen Körper her, Hauptsache ich werde geliebt.

So lernte ich den Vater meines ältesten Kindes kennen. Als ich schwanger wurde, glaubte ich, dieses Kind wird mich bedingungslos lieben. Es tat es jedoch nicht. Es schrie. Er verletzte sich selbst. Er war ein kleines Bündel, ein kleines Hilfloses Etwas so wie ich. Dafür bestrafte ich mich.

Ich fing an zu hungern.

Meine Magersucht wurde immer mal wieder unterbrochen. Es gelang mir durch Frusteinkäufe den Selbsthass zu vergessen. War in der Ausbildung, langte dafür in die Kasse, mein Geld hätte nie gereicht. Erwischt, fristlos entlassen, neuer Hass. Lernte meinen Ex-Mann kennen, bekam ein zweites Kind.

Fühlte mich nicht ernst genommen. Bestrafte mich wieder mit Hunger.

Fast wäre es zu einer Zwangseinweisung gekommen. Trennte mich von meinem Mann und lernte meinen jetzigen Freund lieben. Richtig lieben. Auch ihm habe ich Leid zugefügt. Aus Angst vor mir selbst? Oft kann ich es nicht erklären. Zu oft.

Diesmal lag meine Bestrafung im Essen. Stierhunger.

Wie gern wollte ich den Finger in den Hals stecken. Es ging nicht. Also schluckte ich Abführmittel. Machte Fitness wie verrückt. Doch mein Freund ist etwas Besonderes.

Er zeigte mir etwas: Vertrauen lernen.

Obwohl ich versucht habe, auch ihn aus meinem verpfuschtem Leben zu schmeißen, ließ er nicht locker. Er wollte mehr Hintergrund erfahren. Was war los, warum bist du so???

Er kämpfte um mich.

Er zeigte mir: Kämpfe um dich selbst!!! Sei du und stolz darauf. Mit dieser neuen Kraft habe ich den schweren Gang geschafft. Zum Arzt um eine Therapie zu machen. Ich habe diesen Mann so tief in meine Seele schauen lassen, wie noch nie einen Menschen zuvor. Und das Fazit? Er fängt an zu verstehen, gibt sich die größte Mühe mir bei meinem Weg beiseite zu stehen. Seit diesen Gesprächen ist mein Stierhunger nicht mehr so häufig. Ich kann mich noch nicht wirklich kontrollieren, aber ich fühle mich wieder lebensfähig. Meine letzten Selbstmordgedanken liegen zurück. Ich genieße sogar schon wieder banale Dinge wie Sonne, den Schnee, das Lachen der Kinder.

Das Leben wird wieder lebenswert.

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Stefanie

Stefanies Fueße in Gips…also es fing alles mit einer sehr schlechten Kindheit an! Vater Gefängnis, Mutter 15, beide arbeitslos, und mit 21 hatte meine Mutter drei Kinder und keinen Mann. Irgendwann Jugendamt! Seit ca. zehn Jahren sind mein Bruder und ich in einer Pflegefamilie und haben uns eigentlich immer recht wohl gefühlt.

Doch irgendwann ist mir mal bewusst geworden, dass ich alles in den letzten zehn Jahren verdrängt habe, und dass es mir dadurch so gut ging. Also dachte ich über alles mal nach, was ein Fehler war!

Ich habe so viel einfach immer nur runtergeschluckt, dass einfach der Sack geplatzt ist! Und dann nahm ich mir eine Rasierklinge ich schnitt einfach drauf los, ohne zu merken was ich tue! Ich war in einem Traum, war gar nicht bei Bewusstsein. Das passierte jeden Abend, mindestens sechs bis sieben Schnitte. Tiefe Schnitte!

Irgendwann aß ich auch sehr wenig, und anschließend kippte ich um, dreimal hintereinander in der Schule. Die Lehrer machten sich Sorgen. Aber ich habe immer nur abgeblockt und gelogen, um meinen Hals noch zu retten.

Ich habe mich selber belogen und habe immer gesagt, es ist alles in bester Ordnung, und ich habe nicht mit bekommen, was bei mir abgeht!

Dann war Elternsprechtag! Jeder weiß, was das bedeutet. Lehrer petzen. Das tat meine Lehrerin auch, aber mein Kommentar dazu: Es war mal etwas, ist aber schon wieder okay.

Ich zog mich immer weiter zurück. Ich ritzte immer mehr, habe mir selbst Blut abgenommen, getrunken und irgendwann auch gekifft… Was mich dann endgültig zum Wahnsinn trieb. Ich wollte mich Umbringen… ich war durcheinander hatte Angst zu denken, Angst zu reden, Angst zu glauben, Angst zu atmen. Hatte nur noch drei verschiedene Albträume. An meinem Geburtstag wollte ich es machen, wie in meinen Träumen.

Doch ich gab mir noch eine Chance, und da ich noch sehr extremen Sport mache (Trampolin und Geräteturnen), habe ich dort auch Frust abgebaut und zu viel gemacht. Es ging immer gut, doch drei Tage nach meinem Geburtstag lag ich im Krankenhaus. Beide Füße in Gips! Das hat mich noch mehr fertig gemacht. Ich war fast angekettet und konnte nichts machen.

Dort war das erste Mal; wo man mir Hilfe angeboten hat, wo niemand mein Vertrauen missbrauchte… Nach dem Krankenhaus ging es aber weiter, und es kam auch noch eine Bulimie dazu. Ich war immer der Versager, und werde es auch immer bleiben! Ich weiß, dass ich nichts bin, aber diese Zeit ist nicht vorbei.

Ich sage das hier so, weil ich anderen helfen möchte, nicht dieselben Fehler zu machen! Es gibt genug Elend auf dieser Welt, und so etwas kann man umgehen.

Ich suche noch nach meinem Weg; Ihr könnt ihn vor mir finden! Danke für das Zuhören! Wenn jemand Hilfe oder Rat braucht, ich bin da:

Nicola, 21 Jahre, 1,70 m, zurzeit 67 kg

Diese Mail schrieb mir Nicola (in Wirklichkeit heißt sie anders) im Spätsommer 2004. Sie ist damit einverstanden, dass ich sie an dieser Stelle veröffentliche. Wer mit ihr Kontakt aufnehmen möchte, klickt bitte hier!

Warum ich Dir schreibe? Weil ich Hilfe suche und nicht weiß, an wen ich mich sonst noch wenden soll…

Lass mich erzählen…

Damals war alles schön und gut. Ich war dick und unglücklich - schon seit ich denken kann, hatte ich zu viel auf den Rippen. Aber ich konnte lachen und hatte meinen Spaß am Leben…

Bis irgendwann solche doofen Typen zu mir »fettes Schwein« und »schau DIr den fetten Arsch an« gesagt haben.

Das war der Auslöser dafür,
dass ich mit meinem Freund eine kleine Wette begonnen habe.

Er wusste selbst, dass ich mir mit meinem Körper nicht gefiel und wollte mir damit ein wenig Mut geben und mir helfen. Für Ihn war ich immer die schönste Frau der Welt - egal was die Waage anzeigen würde. Er liebte mich von Kopf bis Fuß.

Aber gesagt, getan, und wir starteten die Wette. Ich nahm ab und ab und ab… Verzichtete auf alles. Wollte die Wette gewinnen. Waren ja nur 5 kg innerhalb 3,4 Monaten ausgemacht.

Das schaffte ich mit links, denn statt »Ja« gewöhnte ich mir einfach ein »Nein« an. Trotzdem war ich nach der Wette noch immer nicht zufrieden, und so wurden nach ein paar Monaten 20 kg aus meinen eigentlichen 5 kg.

Ich verzichtete auf alles:
Eis, Schoko, Kekse, Sahne, Kuchen, Butter, Fleisch.
Zählte überall die Kalorien,
und die Waage wurde zu meiner besten Freundin,
bis ich mein Traumgewicht von 64kg erreicht hatte.

Dann kam plötzlich vor einem Jahr die Wende. Ich hatte schreckliche Angst zuzunehmen. Doch ich hatte das Neinsagen satt. Wollte genauso sein, wie die anderern, sah schlanke Mädchen beim Pommes essen, beim Eis essen, beim Cola trinken… Das kann ich doch jetzt auch!!! Konnte ich - und die Waage rächte sich.

Aber ich wollte nicht dick werden - nie mehr so genannt werden!

So kam mir eines Tages der Gedanke mit dem »Finger in den Hals stecken«.

Verstehst Du mich? Ich will nie mehr so aussehen wie früher…

Aber verzichten auf alles, was mir lieb war? Nein, das konnte ich auch nicht mehr. Deshalb kombinierte ich diese zwei Dinge und bin abhängig davon geworden. Ich verzichtete weiterhin, und wenn ich doch mal Heißhunger auf etwas hatte, dann schlang ich in den wenigen Minuten alles Verbotene in mich hinein, was ich nur finden konnte. Das geht jetzt schon ein Jahr so. Nicht regelmäßig, manchmal dreimal in der Woche, manchmal zwei Wochen lang gar nicht. Konnte dadurch mein Gewicht einigermaßen auch halten.

Aber ich hab jetzt keine Kraft mehr.

WILL ENDLICH RAUS AUS DER GANZEN SCHEISSE.

Will wieder lachen können,
genießen,
Spaß am Leben haben!

Letzte Woche war ich mit meinem Freund bei einer Suchtberaterin. (Er steht zu mir und ist mir eine wertvolle Stütze. Ich bin so froh, ihn zu haben. Außer ihm wissen nur meine besten Freunde davon.) Sie hat mir Mut gemacht, dass ich es schaffen könnte. Ich müsste wieder zu mir selbst finden und sie würde mir mit allen Mitteln helfen.

Ich werde es schaffen.
Möchte wieder das Mädchen von früher werden!

Das habe ich mir, meinem Freund und meinen Freunden versprochen.

Dennoch würde ich gerne eine Freundin finden, die genauso fühlt wie ich. Die die gleichen Ängste hat wie ich. Die die gleiche Krankheit hat wie ich.

Ich möchte mit jemanden »darüber« reden können, der das gleiche durchmacht, wie ich. Der auch von diesen Heißhungerattacken befallen ist und sich für den gleichen Scheissweg entschieden hat wie ich.

Jemand, der mich versteht…

Traudel, 21 Jahre, »Studentin im Wartesemester«

So richtig angefangen hat alles, als ich 18 oder 19 war. Zwar hatte ich schon etwas länger starke Stimmungsschwankungen, die zwischen grenzenloser Euphorie und Depressionen schwankten. Aber so langsam nahm das ganze Gestalt an.

Die meiste Zeit habe ich mich gefühlt wie tot, habe meinen willkürlich auftretenden Emotionen nicht getraut und konnte mich nur noch spüren, wenn ich mir Arme und Beine aufritzte.

Anfangs waren das ganz harmlose, oberflächliche Schnitte. Doch wie bei jeder Sucht musste ich die Dosis erhöhen, um überhaupt noch eine Wirkung zu erzielen. Ob ich einfach nur Aufmerksamkeit wollte, meine »inneren Wunden« sichtbar machen wollte, diese unerträglichen Spannungszustände ausgleichen wollte, irgendwie den Kontakt zwischen mir und meinem Körper herstellen wollte… wer weiß!

Ich spürte ständig diesen unerträglichen Druck, glaubte oft zu platzen, fühlte mich wie eine tickende Zeitbombe, die bei jeder Kleinigkeit explodieren konnte.

Ich begab mich in ambulante Therapie, was mir zunächst nicht wirklich half.

Meinen damaligen Freund habe ich über alles geliebt, nur leider war er Gift für mich. Aus seinen Launen heraus machte er hin und wieder von heute auf morgen Schluss, weil ihm »alles zuviel wurde«, um mir dann am nächsten Tag seine grenzenlose Liebe zu erklären. Zwei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen können sich gegenseitig wirklich ziemlich kaputtmachen! Unser Verhältnis schwankte ständig zwischen Liebe und Ablehnung.

Anfang 2002 wog ich noch 62 kg bei 1,72 m. Ich hatte nie Probleme mit meiner Figur gehabt. Als mich mein Freund das erste Mal fallen lies, konnte ich tagelang nichts essen und so wurde der Kreislauf in Gang gesetzt.

Ich nahm wirklich schnell ab, alles war so einfach.

Ich wurde gelobt, fühlte mich euphorisch, hatte ein kleines Ziel in meinem sonst so chaotischen und verworrenen Dasein.

Die Kontrolle über meine Nahrung gab mir Struktur, ich wurde zum Experten für Zusammensetzungen von Nahrungsmitteln, Kalorientabellen und - was mir immer noch ein kleines perverses Vergnügen bereitet - dem Austricksen meines Umfeldes, wenn es darum geht möglichst wenig zu essen.

Essstörungen lassen einen nicht so schnell los, damit hatte ich nicht gerechnet. Aus den geplanten 58 kg wurden 55, 52 kg, hach, und 50 kg wäre doch auch eine recht nette Zahl, oder?

Je weniger ich wog, desto mehr hasste ich mich und meinen Körper, glaubte es gar nicht anders verdient zu haben, als nicht zu essen und mich rar zu machen.

Ich verschwand äußerlich und tauchte ein in eine Welt aus Zahlen und meinem eigenen kleinen romantischen Drama der Schwindsucht.

Irgendwann verlor ich die Kontrolle, und auf lange Hungerphasen kamen riesige Fressgelage, über Tage hinweg. Das ganze gestaltete sich oft recht schmerzhaft, mit einem zum Bersten gefülltem Bauch schlief ich meist erschöpft ein. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich sicher alles erbrochen, aber so versuchte ich diese Kontrollverluste lediglich durch noch strengere Verbote auszugleichen.

Doch lange hat es nicht gedauert bis ich »den Dreh raus hatte« und meine unerträgliche Langeweile mit Fressen und Kotzen füllte. Mir ging es zunehmend schlechter, physisch und psychisch. Ende letzten Jahres hatte ich dann einen dreimonatigen Klinikaufenthalt, mein Essverhalten glich sich einigermaßen aus, ich lernte (rein theoretisch), anders mit meinen Gefühlen umzugehen, meinen Körper zu akzeptieren und dass ich ja verdammt nochmal noch andere Fähigkeiten hatte als mich zu kontrollieren. Viel nahm ich nicht zu. Zwar wurde ich zweimal die Woche gewogen, allerdings trank ich vor dem Wiegen mindestens zwei Liter Wasser und hatte auch sonst einen Haufen Tricks auf Lager, um beim Essen zu schummeln und zu bescheißen.

Als ich - zwar vorerst psychisch gefestigt - und mit 53 kg die Klinik verließ, rutschte ich sehr bald in die alte Schiene. Diese ganze Situation daheim - Missstände, Enttäuschungen - all das versuchte ich mit Hungern, Fressen und Kotzen auszugleichen. Mit unter 45 kg glaubte ich mich in andere Geisteszustände versetzt zu haben, apathisch wie ich war nahm ich kaum mehr Gefühle wahr, alles schien an mir vorbeizuziehen, nichts interessierte mich mehr.

Ich konnte meine bisher unkontrollierbaren Emotionen also ausschalten wenn ich wollte, fühlte mich wie ein Marionettenspieler, der seinen schwachen Körper nur noch von außen steuert.

Das Prägnanteste an essgestörten Menschen ist für Außenstehende der schwindende Körper. Aber dass man sich sprichwörtlich die Seele aushungert und sein gesamtes Denken und Fühlen verändert, wird einem erst so richtigbewusst, wenn man mittendrin steckt.

Derzeit kämpfe ich mit mir selbst, nehme mühsam zu und mich wieder wahr.

Es ist, als gäbe es zwei Seiten in mir.

Die eine, die fühlen will, leben.

Und die andere, der alles zuwider ist.

Die versucht nichts wahrzunehmen.

Nicht wahrgenommen zu werden.

Weniger zu werden.

Und ja, verdammt, ich WEISS, ich soll mit meinen Problemen und der ganzen banalen Tragik des Lebens anders umgehen als damit, in tagelange Depressionen zu verfallen, zu hungern, mich selbst zu verletzen, oder mit Ess-Brech-Anfällen…

Aber in solchen Momenten will ich nichts fühlen, nichts wahrnehmen, mich ausschalten.

Dorothea, 16 Jahre, aus der Nähe von Rosenheim

ich glaube, ich war schon immer »verrückt«.

mit 12 oder 13 jahren verletzte ich mich selbst, brach mir selbst meinen Arm und mein Knie, war ständig schlecht gelaunt.

Später war ich in einen Jungen verliebt, der sagte, ich sei ihm zu fett. ja, ich war fett, wog 70 kg bei 1,60 m größe, hatte schon öfter diäten gemacht, nie durchgehalten.

ich wollte es diesmal so sehr, fing im august 2003 an zu hungern, nahm 32 kg ab, durchlebte alles, was anorektikerinnen durchleben, kam mit 38 kg in eine psychiatrische klinik.

6 monate blieb ich dort, wurde mit 47 kg entlassen. jeder dachte, mir geht es gut. einen scheissdreck tut es. ich gehe 2 mal in der woche zur ambulanten therapie, die mir im bezug auf meine familiären und persönlichen probleme sehr hilft.

ich nahm zuhause zu, egal, was ich tat, trieb sport, hungerte wieder, vergeblich. wenn ich 3 tage nichts aß, nahm ich nicht ab, und wenn ich dann auch nur eine scheibe brot aß, nahm ich sofort zu.

es ist die hölle für eine magersüchtige! mein stoffwechsel ist total im arsch, meine verdauung streikt und ich nehme zu ohne eine erklärung. es macht mich fertig.

ich fing an zu ritzen, sehr tief, tiefer als je zuvor.

du willst

du willst golden sein und funkeln
du willst leuchten auch im Dunkeln
du willst reden doch deine stimme versagt
du willst erzählen doch keiner fragt
du willst perfekt sein und noch mehr
du willst krank sein und zwar sehr
du willst sehen doch SIE nimmt dir die sicht
du willst lesen doch SIE stellt sich ins licht
du willst lachen doch du bist erfroren
du willst sein wie damals doch du bist neu geboren
du willst schlafen doch SIE hält dich wach
du willst ruhe doch SIE macht krach
du willst kontrolle über dich
SIE übernimmt sie und du nicht
du willst einen körper, schlank und rein
du willst als barbie glücklicher sein
du willst schön sein und viel besser
du willst...doch du lieferst dich ans messer
du willst es trotzdem es ist dir egal
du willst es so sehr, bist nicht mehr normal
dann kannst du nicht mehr und bist verloren
du wirst dann in der hölle schmoren
du hast jetzt kein leben mehr
du kannst nur hungern und sonst bist du leer
nun willst du raus aus deiner sucht
suchst dir die rettende flucht
du versuchst und versagst dann doch
stehst auf, fällst wieder: was soll das noch?

doch dann kam TOM in mein leben, ein sehr guter freund...

FÜR TOM - DEN BESTEN FREUND

mein bett ist jetzt wieder leer / da liegst du nun nicht mehr
doch ich fühle du bist noch da / ich spür, du bist ganz nah
dein ganz spezieller duft / liegt in der warmen sommerluft
die luft ist voll von deinem geist / ich weiss nicht, ob du es weisst
was du für mich tust / wenn du tust, was du musst
ich verdanke dir mein leben / und will es dir dafür geben
ich pflück dir alle sterne / hol dir die nähe aus der ferne
saug dir das wasser aus der wüste / hol dir den wind von der küste
mit dir sind stunden wie sekunden / ich hab dich gesucht und gefunden
du drehst die achse meiner welt / sorgst dafür, dass sie nicht hält
ziehst mich aus der depression / minderst meine aggression
zeigst mir den weg aus meiner sucht / denn sie sei nun verflucht!
du bist meine wärme in der nacht / bist der, der meine träume bewacht
bist zeit, die ich nicht vergeude / bist mein lachen, meine freude
bist mehr wert als alles geld / wenn ich kann schenk ich dir die welt
wie kann ich danken würd alles machen / zeig es mir mit deinem lachen!

... ihm musste ich versprechen, nicht mehr zu ritzen und ich hielt mein versprechen. er hilft mir sehr und ich will mich hier bei ihm bedanken: Tom, ohne dich wäre ich tot! du bist der wichtigste mensch für mich geworden und du hilfst mir so! du bist der einzige, der mich versteht und mir zuhört! ich kann immer mit dir reden und dir alles anvertrauen! jemanden wie dich hatte ich noch nie! danke für alles!

WARUM

warum musste das geschehen?
warum soll ich diesen weg gehen?
kann mich wirklich niemand retten?
mich befreien aus diesen ketten?
muss ich erst sterben um zu leben?
kann es so ein schicksal geben?
warum quäle ich mich selbst so sehr?
will mein körper etwa mehr?
werde ich jemals wieder normal?
oder endet mein leben fatal?
werde ich mich weiter schneiden?
oder kann ich es vermeiden?
werde ich weiter kotzen?
oder kann ich der bulimie trotzen?
kann ich mich zum essen zwingen?
oder werde ich mit dem verhungern ringen?
wird die gesundheit jemals siegen?
oder werde ich der essstörung erliegen?
warum habe ich mich verloren?
warum wurde ich geboren?
warum habe ich keine hoffnung oder mut?
warum wird nicht einfach alles gut???

ich fing an zu kotzen.

ich fresse nicht. ich esse manchmal normal, weil mich meine eltern dazu zwingen. dann erbreche ich das essen. jetzt kotze ich 3-4 mal am tag, und wünsche mir nichts sehnlicher, als wieder hungern zu können und 30 kg zu wiegen. ja, ich wünsche es mir sehr. meine eltern sollen mich in ruhe lassen, sie haben mich doch erst zum kotzen gebracht.

mir geht es sehr schlecht, liege nach dem kotzen aufgedunsen und benommen in meinem Bett und stehe den ganzen tag nicht mehr auf. keiner weiss, wie ich mich fühle! ich bin eben viel zu fett, ich hätte nach der klinik nicht zunehmen dürfen! auch wenn mir meine freunde sagen, ich sei jetzt viel schöner, das ist mir egal!

ich kann und will so nicht leben!

in der letzten zeit denke ich viel an selbstmord, schreibe abschiedsbriefe an tom, denke an die zeit, als ich 38 kg wog und will so gerne die zeit zurückdrehen! ich hasse mich und ich kann nicht mehr!

ich weiss, dass ich jetzt noch viel kränker als damals bin, aber ich will nicht wieder in eine Klinik. ich will tom nicht verlieren. jetzt habe ich die freunde, die mir früher fehlten, und wenn ich wieder 6 monate weg wäre, weiss ich nicht, was danach wäre. mir kann im moment keiner helfen, nur die gewichtsabnahme, auf die ich mich nun in den sommerferien versteifen werde. mein ziel ist es, wieder abgemagert und dünner als alle anderen in die schule zurückzukommen.

Alles ist so kompliziert
ich schaue in die sternenklare nacht
ich bin total verwirrt
bin am ende meiner kraft

komme hier nicht mehr voran
und dreh mich nur im kreis
erinnere mich wie es begann
ich zahlte einen hohen preis

schaufel mir mein eigenes grab
denn meine träume sind längst begraben
weil ich schon fast mal daran starb
und weil schon viele daran starben

am tag kommt die dunkelheit
und wenn sie mich verschlucken will
bin ich schon längst dafür bereit
es macht doch alles keinen sinn!

die vergangenheit holt mich ein
und ich geh liebend gern zurück
denn dann soll es wohl so sein
auch wenn du denkst, ich sei verrückt

ich kann jetzt echt nicht mehr
auf mir lastet ein ewiger fluch
fühl mich ausgekotzt und leer
sie wird NIE GEHEN, meine sucht!

meine Eltern sind dabei das grösste hindernis. mit ihnen ist sowieso alles schwierig, ich habe keine beziehung mehr mit ihnen, rede nicht mehr mit ihnen, und ich hasse sie. ich denke mir einfach, ich warte, bis ich 18 bin, denn dann können sie mich sowieso zu nichts mehr zwingen, vor allem nicht zum essen.

als abschluss will ich sagen, dass ich glaube, mein ganzes weiteres leben an magersucht zu leiden und das es mir aber ganz gut gefällt. denn ich bin süchtiger als zuvor und es wird nie enden!

... ich habe anorexie

und enden wird es nie

nach jedem bissen
schlechtes gewissen
nach jedem essen
das gefühl, ich wäre verfressen
verlangen nach erbrechen
doch dann mein versprechen
nie zu kotzen schwor ich mir
nach verhungern hatte ich gier
gefühl von versagen

keine kontrolle mehr haben
keine interesse an irgendwas
kein hobby, keine liebe, kein spass

gedanken kreisen um kalorien und essen
ich kann es einfach nicht vergessen
keine freunde, die es verstehn
meine ängste, mein problem ...

Jaqueline, 25 Jahre, lernt Bibliothekarin

Ist das Leben den Verlust des Lächelns wert?


Wer bist du?
Ich selber bin ich nicht!
Zweigeteilt, tausendfach geteilt gehe ich
blind und taub
nebeneinander her,
wo ich gar nicht bin.

Ohne einander zu sehen.
Ohne einander zu begegnen.
Ohne einander zu besuchen.
Ohne einander zu fühlen.
Ohne zu sprechen.
Ohne zu schweigen.
Ohne zu wollen.
Ohne verbindende Gedanken.

Ohne verbindende Gefühle,
Ohne verbindenden Willen,
einfach ohne Gemeinsamkeiten.
Einander hassend.
Einander verachtend.
Einander zerstörend.
Voneinander davonlaufend und einander einholend,
einander kontrollierend - ohne Erfolg.

Ohne auszuhalten, sterbend.

 

Wie unterscheidest du dich?
Gar nicht.
Jeder ist alleine, in sich sinnlos, egal, aufgelöst, wertlos, vorläufig, eisig, durchsichtig, versteinert, hart, geschlossen, verschlossen, verletzbar, leer, schutzlos, dunkel, nichts...

Was verbindet dich miteinander?
Die Suche - jeder auf seine eigene Weise: Nach dem Kern des Ursprungs, der Unendlichkeit, nach der Ewigkeit.

Was willst du?
Sein. Freiheit. Kraft. Frieden. Sicherheit. Sinn. Geborgenheit. Vertrauen. Halt. Gehalten werden. Eine schützende Hülle. Wärme. Liebe. Licht. Zufriedenheit. Wille. Beziehung. Glauben. Gelassenheit. Zukunft. Hoffnung. Heimat. Dazugehörigkeit. Verständnis. Mitgefühl. Ehrlichkeit. Vertrauen. Erkenntnis. Selbstwahrnehmung- und Sicherheit... Musik.

Schlafen. Warum? Warum schlafen? Warum Musik?

Um leben zu können. Um lebendig sein zu können. Um die Leere, die Kälte, das Eis, die Versteinerung, die Verletzlichkeit, die Hilflosigkeit... aushalten, ausfüllen, besiegen zu können.

Um von ganzem Herzen Anteil nehmen zu können am Geschehen der Welt, am Leben um mich rum.
Um mit eigenen Augen, eigenen Gefühlen den Inbegriff des Lebens sehen, spüren, verstehen, achten und lieben zu können.
Um das Leben jeden Augenblick neu schaffen und auf einem festen, sicheren Boden stehen zu können.
Um Hindernisse in Chancen zu verwandeln oder sie erst gar nicht als solche zu sehen.
Um der Angst vor dem Leben keine Chance zu geben.
Um mich als eigenständigen Menschen zu sehen, zu achte, zu akzeptieren und zu respektieren.

Schlafen, um aufwachen zu können in einer realen Welt, in einer Welt des Gleichgewichts.
Musik, um alle Welten miteinander zu verbinden: Mit Tönen, mit Tonfolgen, mit Rhythmen, mit Takten, mit Stimmungen, Emotionen und Gefühlen, die man (wissenschaftlich) nicht be- und widerlegen kann, die jeder mit seinem Herzen versteht...

Ist das Leben, die Gesellschaft, den Verlust des Lächelns wert?

Wo bitte geht’s ins Leben?

So oft, da ist mein Leben wie ein Urwald, wie eine undurchdringliche Wildnis. Alles wuchert: Büsche, Sträucher, Kletterpflanzen, Efeu, Farne- der Weg ist nicht mehr zu sehen. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich weiß nicht mehr wo ich bin. Ich weiß nicht mehr wo ich hin will. Ich habe die Orientierung völlig verloren- nein, schlimmer: Ich habe mich verloren.

Was mache ich eigentlich hier? Wer bin ich? Was will ich? Wo ist der Weg? Was soll das alles? Warum ich? Wer ist das Leben? Wer ist der Tod? Fragen über Fragen und ich? Ich weiß wieder keine Antwort...

Von allen Seiten werde ich angegriffen, in mir ist nur noch Angst und Panik, blicke nicht mehr durch, will nur noch weg- aber ich bleibe doch wie gelähmt stehen. Meine Sehnsucht ist kein Ausweg, heißt es, und wohin sollte ich dann noch gehen? Mein Schrei nach Hilfe bleibt ein stummer Schrei in die Kälte und Einsamkeit der Dunkelheit wo kein Hauch von Leben mehr ist...

Im Dschungel meines Alltags habe ich mich verstrickt, habe mich verirrt im Labyrinth meiner Erwartungen und Gefühle. Ziele, Perspektiven... Was ist das? Nichts, wofür es sich wirklich lohnt zu leben. Ich wehre mich nicht mehr gegen die Traurigkeit, die Ohnmacht und die Angst in mir, denn meine Kraft ist zu Ende. Meine Sehnsucht nach Leben ist geknebelt und gefesselt. Aber, wo kommen die Tränen her? Die Tränen, die ich doch nur nach innen weine?

Im Alltagsdschungel habe ich mich verloren - verloren in all dem, was andere von mir erwarten, in all dem, wo ich meine, entsprechen zu müssen. In Freundschaften, überall dort, wo Menschen sind, suche ich das Leben. Ich telephoniere, schreibe, begegne - und bleibe doch einsam. Ein neues Auto, eine eigene Wohnung, neue Möbel und Kleider, viele Bücher, weite Reisen- aber das Leben lässt sich nicht kaufen. Raus aus meinem beschissenen Alltag, je weiter fort, desto so besser; aber die Traurigkeit bleibt, wie festgewachsen, angewurzelt. Mit elektronischer, toter Musik, Computerspielen, Fernsehen, Alkohol, Medikamenten, Essen betäube ich mich, aber der Morgen bleibt genauso leer, kalt und grau wie der gestrige.

Und zwischendurch: Einsames Weinen, Schluchzen, Schreien, Verzweiflung - wo ist das Leben?

Wo ist mein Leben?

Dann werde ich nachdenklich: Suche ich vielleicht falsch, vielleicht am falschen Ort, zur falschen Zeit? Suche ich denn wirklich - oder will ich nur finden? Mache ich mich überhaupt auf den Weg - oder will ich schon angekommen sein? Was suche ich? Vielleicht das scheinbare Glück, das von außen kommt, oder die Zufriedenheit, die von innen wächst?

Solange ich mich selber fliehe werde ich das Lebe nicht finden, denn die Suche nach dem Leben ist die Suche nach mir selber - die Suche nach meinen Fragen, meinen Antworten, meinem Sinn, meinen Zweifeln und Hoffnungen, meiner Ohnmacht, meinen Träumen, meinen Ängsten, meinem Vertrauen...

Ich bin diejenige die sich auf die Suche machen, sich in den Urwald hineinwagen, vorsichtig und behutsam einen Schritt nach dem anderen setzen und Äste zu Seite biegen muss, die sich bücken und ducken, große und kleine Steine überwinden und Bäche und Flüsse zu durchwaten hat. Das kann niemand anderes für mich tun, denn ich will ja auch mein Leben und nicht das eines anderen finden. Ja, zeigen lassen kann ich mir den Weg, mich für die ersten Schritte an die Hand nehmen lassen... In mir selber muss ich suchen, nicht an irgendeinem anderen Ort, und zwar jetzt, auf der Stelle, nicht irgendwann. Und auch nicht an der Oberfläche bleiben sondern bis tief auf den Grund zur Quelle des Lebens. Bloß weg aus dem Alltag, der mich gefangen hält, dem Gejagtsein, dem Teufelskreis von Gedanken und Gefühlen endgültig und für immer ein Ende setzen, mich aus der Macht des Faktischen entziehen und loslassen was mich besetzt hält, nicht zu mir gehört.. Keine Phantasie, keine Illusion, keine Einbildung, kein Wunschtraum - sondern Zusage, Realität!

Et moi, j´ai pris ma main dans ma tête et j´ai pleuré...

Crazy1, 23 Jahre, arbeitssuchend

Die Krankheit wohnt in dir, und du entscheidest wann Schluss ist

Ich bin männlich und habe meine Essstörung schon mein ganzes Leben lang. Ich war die letzten 17 Jahre jährlich mindestens einmal im Krankenhaus, Psychiatrien oder Rehas, und um so öfter ich in Behandlung war, um so weniger hat es mich voran getrieben. Irgendwann ist man bei dem Punkt angekommen, dass herkömmliche Therapien nicht mehr helfen, und muss daher auf andere Möglichkeiten ausweichen, auch wenn diese einem nicht immer gefallen.

Es ist im Grunde so: an sich kann kein Arzt dich heilen, kein Freund, kein Medikament oder eine Therapie!

den ersten Schritt musst du machen
du musst sagen: ich will die Krankheit nicht mich kontrollieren lassen
ich will die Krankheit kontrollieren!

Die Krankheit wohnt in dir, und du entscheidest wann Schluss ist.

Ich erzähle mal aus meinem Kampf gegen die Aneroxie – das andere Wort »Essstörung« finde ich nicht toll: Ihr seit nicht gestört, sondern ihr habt nur ein Defizit.

Bei mir fing das recht früh an. Im Alter von 6 bis 7 Jahren wahr ich sehr dünn. Im Vergleich zu den anderen Kindern war ich zu dünn. Ich habe mit 7 Jahren gerade mal 29 kg gewogen und war eigentlich recht groß für mein Alter (ca. 1,70 m). Und ich war aber dafür fit wie ein Turnschuh. Ich war teilweise 5 bis 6 Stunden draußen und habe mit Freunden im Wald gespielt und bin abends dann immer gut eingeschlafen. Aber meine Eltern dachten sich, da kann irgendwas nicht stimmen, und da ging das ganze Kuddelmuddel los.

Wir sind von einem Arzt zum nächsten gegangen, zu Allgemeinmediziner, zu Heilpädagogen, zu Fachärzten, und alle sagten: mit ihren Sohn ist alles in Ordnung. Der ist nur etwas dünn. Doch weder meine Mutter noch mein Vater wollten das wahrhaben und dann wurde ich das erste Mal in eine Psychatrie eingewiesen. Das war die Hölle für mich, die KJP in Trier. Da verbrachte ich 7 Monate meines Lebens, um dort zu erfahren, dass ich unter einer Aneroxie nervosa leide. Zusätzlich wurden bei mir Asperger-Autismus und Bronchialasthma festgestellt.In der KJP lernte ich erstmals mit der Krankheit umzugehen, aber ich war noch ein Kind und hatte keine Ahnung, wie schwer es tatsächlich ist, mit sowas den Rest seines Lebens zu leben.

Nachdem meine Eltern nun wussten was mit mir nicht »stimmt«, entschieden sie sich dazu, mich im Alter von 15 Jahren in die erste Einrichtung zu schicken, in der ich 2 Jahre lang einige Dinge gelernt habe, über den Asperger genauso wie über meine Aneroxie. Ich lernte vielen Techniken und viele Möglichkeiten, das Gewicht stets oben zu halten bzw. in irgendeiner Art zu halten. Das ging über Tages- und Ernährungs-Pläne bis hin zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Astronautennahrung oder hochkalorische Nahrungsergänzung – nicht zu empfehlen, zumindest nicht dauerhaft. Es ist nicht so gesund und schmeckt meistens auch nicht so lecker.

Mit 16 bin ich dann wieder für weitere 3 Monate in die KJP Trier eingewiesen worden, da von jetzt auf gleich mein Gewicht rapide gesunken war und der Grund dafür war, dass ich dort einen heftigen Wachstumsschub bekommen hatte. Ich bin innerhalb von 3 Monaten von 1,75 m auf 1,93 m gewachsen, und das war gruselig. Ich hatte meinen Körper so einigermaßen im Griff, und dann kam das ... durch diesen Wachstumsschub hatte ich auf einmal sehr starkes Untergewicht und musste deswegen in das nächste Krankenhaus eingeliefert werden. KJP Trier: hier bin ich zum dritten Mal, aber diesmal kam ich nicht auf die offene Station, sondern auf die geschlossene, und jeder, der schon mal als Patient auf einer Geschlossenen war, weiß wie es sich anfühlt. Dort fühlt man sich wirklich wie im Knast.

Betroffene sind die besten Psychologen!

Die Zeit, die ich durch Krankenhausaufenthalte verschenkt habe, hätte ich sinnvoller nutzen können. 17 Jahre alt, 1 Jahr noch und ich bin 18. Dann kann mich niemand mehr in eine Einrichtung stecken oder in ein Krankenhaus, dachte ich.

Ich war fest davon überzeugt, dass ich meine Aneroxie fest im Griff habe, und habe dabei nicht gemerkt, dass sie mich im Griff hatte.

Irgendwann merkte ich selber, ich dsse weniger, ich bewege mich dafür aber ziemlich viel, und daraufhin habe ich mich selber eingewiesen in eine Uniklinik. Dort habe ich jemanden kennenlernen dürfen, der mir das hier sagte: Weißt du, ich habe keine Ahnung, wie es ist, Krebs zu haben. Ich weiß auch nicht, wie sich ein Tumor anfühlt. Rede mit denen, die das wissen, denn die können dir mehr darüber sagen, wie es ist, als irgendein Buch, Arzt oder Wiki-Eintrag.

Von da an hab ich mich mal genauer mit der Aneroxie beschäftigt, mich mit weiteren unterhalten, die das auch haben, was sie schon alles ausprobiert haben, ob sie zunehmen wollen, und wenn nein, warum nicht? Wenn man Leuten zuhört, ist das manchmal besser als Therapie. Wenn es mir zum Beispiel schlecht geht, ruf ich meinen besten Freund an und rede mit ihm, und das tut gut. Sogar sehr. Als ich aus der Klinik entlassen wurde, habe ich mich nicht mehr versteckt, habe zwar gemerkt, dass viele Leute einen anstarren oder dumme Sprüche einem hinterherwerfen. Aber ich wollte mich nicht mehr verstecken. Ich habe eine Ausbildung gefunden, in der ich mich wohlfühlte (witzigerweise als Beikoch. Aber es musste ja kommen ... Ich wollte unbedingt immer 100 Prozent geben, also habe ich meinen Körper vernachlässigt. Ich habe entweder kaum oder gar nicht mehr geschlafen, habe angefangen, mehr zu rauchen, hab meinen Körper mit Energy zugekippt und habe gar nicht gemerkt, dass ich gar nicht mehr aufgepasst habe.

Ich war nur noch am Arbeiten, bis dann irgendwann mein Körper gesagt hat: vorbei! Und dann ging das Licht aus, ich bin im Krankenhaus auf der Intensivstation wieder aufgewacht, mit Magensonde, EKG und EEG, mit allem, was das Krankenhaus zu bieten. Ich konnte mich zwar rausreden und wurde eine Woche später entlassen. Aber dann vernachlässigte ich mich wieder, bis ich meinen Ausbildungsplatz verloren habe, da ich einfach nicht mehr konnte. Bis irgendwann die Polizei, ein Arzt, eine Richterin und mein Anwalt vor meiner Tür standen. Also wurde ich gegen meinen Willen eingewiesen, und ich hoffe, dass niemanden von euch allen das jemals passieren wird! Dann ist Ende! So schnell kommt man nicht mehr mit richterlichen Beschluss raus!

In der Zwischenzeit kamen noch wieder Klinikaufenthalte, allerdings überwiegend wegen Depressionen, Zukunftsängsten oder Panik-Angstattacken.

Nur weil du anders aussiehst bist du nicht weniger Wert!

Diesen Spruch dort oben den müsst ihr euch merken – es ist keine Schande, wenn ihr dünn, dick, groß, klein oder sonst was seid. Schämt euch nicht für euren Körper. Wenn es euch gut, geht dann geht es euch gut (seid aber ehrlich zu euch – ihr könnt gerne mich verarschen, aber sich selbst zu veraschen, bringt euch nicht weiter).

Ich bin heute 1,96 m groß und wiege 68 kg. Ich bin immer noch untergewichtig, aber mir geht es gut. Ich kann ohne Probleme 3 Etagen die Treppen hochlaufen, ohne komplett am Ende zu sein. Ich kann 2 km in die Stadt laufen, ohne das jemand den Krankenwagen rufen muss, weil mein Kreislauf nicht mehr mitmacht. Wenn ihr mit eurem Körper zufrieden seid und ihr in einem einigermaßen gesunden Zustand seid, dann genießt es doch.

Einen Punkt habe ich auch noch, der euch hilft gegen die Anorexie zu schießen!

Geh mit Humor durchs Leben – es ist schon ohne schwer genug! :)

Hey ich bin ein Strich in der Landschaft, aber ein Strich der auffällt.

Das wars von mir. Ich hoffe, ich konnte einigen Leuten Mut machen. Wenn irgend jemand reden will, kann er/sie/es mich super gerne anschreiben :D

MfG Crazy1 aka Sascha

»Maria 31«, 31 Jahre, Dolmetscherin

Wie bei vielen von Euch bin ich auch schon in sehr jungen Jahren in die Essstörung gerutscht. Eigentlich wurde mir ein verhängnisvolles Verhältnis zu Essen und Nahrung wohl wohl schon in die Wiege gelegt, da ich bereits im Säuglingsalter einen Milchschock erlitt und sich diese Unverträglichkeiten gegen alle möglichen Nahrungsmittel leider weiterentwickelten. Im Alter von neun Jahren war ich dann bereits auf nahezu alle erdenkbaren Grundnahrungsmittel allergisch. Meine Mahlzeiten bestanden zu diesem Zeitpunkt nur noch aus Gerste, Hafer und Wasser.

DER DIALOG

»Schau mal in den Spiegel, du hättest wirklich Potential, hübsch und mit dir zufrieden zu sein. Selbst ein paar Kilo mehr sollten dein Glück nicht trüben«,,

stellt das Engelchen erstaunt fest.

Doch da drängt sich schon wieder eine andere Stimme in meinen Kopf und der gemeine kleine, aber mächtige Teufel meldet sich zu Wort:

»Was bildest du dir ein. Denk gar nicht dran, dass du zu den 'Auserwählten' gehörst, die essen dürfen und ihr Leben genießen dürfen. Du musst dich unter Kontrolle haben, alles andere wäre eine Niederlage.«

»Ach Teufelchen, warum kannst du nicht mein Freund sein und mich unterstützen, anstatt meine positiven Gedanken zu zerstören?«

»Ganz einfach, weil ich dich lange genug kenne um zu wissen, dass du dich nicht mehr disziplierst und wieder auseinandergehst, dich keiner mehr mag und vor allem du dich selbst nicht mehr leiden kannst. Jeder Tag und jeder Blick in den Spiegel wird für dich zur Qual werden!«

»Sorry für meine Wortwahl, aber ich scheíß auf deine ganzen Regeln, die in keinster Weise der Wahrheit entsprechen. Woher glaubst du zu wissen, dass es so sein wird? Ich werde mich gegen deine Auflagen wehren.«

»Du wirst schon sehen, was du davon hast. Lange wirst du es nicht schaffen, da ich wesentlich mächtiger bin als du«

»Wir werden sehen; vielleicht haben wir uns auch irgendwann mal lieb, ohne uns zu bekriegen. Ich akzeptiere diene negativen Seiten, und du meine Positiven. Das wäre mein Traum!«

Somit trainierte ich mir wohl unbeabsichtigt schon sehr früh an Verzicht in Bezug auf Essen zu erfahren. Wenn meine Freunde auf Geburtstagspartys leckere Pizza aßen, war bei mir immer meine Brotzeitbox mit Haferbrei eingepackt. Trotz dieser asketischen Ernährungsweise nahm ich leider im Alter von 10 bis 12 Jahren stetig zu und landete irgendwann bei einem stattlichen Gewicht von 100 kg.

Scheinbar hat mein Körper nicht verkraftet, dass ich ihn nun langsam wieder an normale Lebensmittel heran führte, und dazu zählte nicht kiloweise Schokolade, sondern das was man unter »normal« versteht. Das Schlimmste an diesem Zustand war natürlich einerseits, dass man sich selbst in seinem Körper fühlt, als wäre man eingesperrt. Aber noch schlimmer und für mich prägender war wohl das Mobbing meiner Mitschüler und vermeintlichen Freunde. Ich traute mich in den Pausen nicht mehr auf den Pausenhof, da sogar mit Steinen auf mich geworfen wurde.

Meine Pubertät und Selbstfindung waren somit dahin. Ich wusste nicht mehr, wer ich bin, warum plötzlich alle so böse zu mir sind, obwohl sich in meinem Inneren nichts verändert hatte und ich immer noch ein sehr liebenswerter und zu gutmütiger Mensch war.

Meine Eltern versuchten mich in jeder Hinsicht zu unterstützen und fuhren mit mir in eine Abnehmklinik. Die Worte des Chefarztes beim Aufnahmegespräch schockierten mich so sehr, dass sie mich wohl auch ein Leben lang gebranntmarkt haben. Er meinte, ich sei so fett, das gibt's für das Alter gar nicht. Und ob ich mir vorstellen könne, so jemals ein schönes Leben führen zu können. Wir fuhren nach Hause und ich wusste, nein!!, das will und werde ich ganz bestimmt nicht. Scheinbar bin ich nur wertvoll und werde ein tolles Leben haben wenn ich dünner bin. Somit nahm für mich das Schicksal wohl seinen Lauf.

Ich nahm anfangs auf 60 kg ab, auf gesunde Weise, und fühlte mich einfach nur mega. Ich sah toll aus, fühlte mich wohl, konnte wieder Klamotten kaufen, und alle mochten mich. Ich wurde plötzlich zum Schwarm der Schule, und das konnte ich nicht glauben, dass ich das nun nur sei, weil ich weniger wog.

Ich wusste, ich bin diszipliniert und ehrgeizig, und erzielte dann auch noch das beste Zeugnis meines Jahrgangs. Hätte ich zum damaligen Zeitpunkt gewusst, wo die Handbremse ist hätte ich sie gezogen. Leider rutschte ich immer weiter den steilen Hang hinab und konnte nicht mehr dagegen steuern. Immer mehr Kilos mussten runter, und das mit allen Mitteln. Die anfängliche gesunde Ernährung wich schleichend dem Immer-weniger-Essen.

Ich war stolz auf mich, wenn ich es schaffte, am Tag nur eine Handvoll Nüsse zu essen und zwanzig Kilometer zu laufen. Der Drang, sich zu bewegen, ging soweit, dass ich teilweise nachts um vier Uhr das Haus verließ und erst wieder um acht Uhr heimkam. Dann erst hatte ich mir in meinem kranken Denken eine Tasse Tee verdient.

Der Totalabsturz ließ natürlich nicht lange auf sich warten, und plötzlich waren es nur noch 28 Kilo, die die Waage anzeigte. Meine Familie war mit den Nerven am Ende, und ich wollte immer noch nicht einsehen, dass es nun endlich mal genug Gewicht war, das ich verloren hatte. Ich fühlte das Fett an mir hochkriegen und wusste, jeder Bissen macht mich wieder dick und ungeliebt. Und das wollte und musste ich auf alle Fälle vermeiden! Da wollte ich nie mehr hin.

Dafür landetet ich dann auf der Intensivstation des Krankenhauses. Ich kann euch sagen, tut alles dafür, dass Euch das niemals passiert! Es gibt kaum ein schrecklicheres Gefühl, als wenn man entmündigt wird und einem im Halbkoma eine Magensonde gelegt wird. Selbst nach mehrmaligen Versuchen, diese wieder loszuwerden, musste ich mich nun wohl doch damit abfinden, da die Ärzte mir nur noch wenige Tage gaben, falls ich diese erneut entfernen würde. Ich konnte nicht mehr liegen, weil sich meine Knochen in die harte Matratze bohrten, ich sah nur noch verschwommen und war mehr tot als lebendig. Die Ärzte stellten mir das Ultimatum, dass ich mit 31 Kilo in eine Einrichtung zur Therapie käme. Dies war dann nach 6 Monaten der Fall. Ein halbes Jahr nur Liegen und Ernährtwerden von der Sonde ... Ich wusste, so geht es nicht mehr weiter! Ich ging auf Therapie und verließ diese nach weiteren 6 Monaten. Ich hatte ein halbwegs überlebensfähiges Gewicht von 43 Kilo. Allerdings wollte mein Kopf dies nicht akkzeptieren und steuerte erneut dagegen. Das Ganze wiederholte sich ca 3 mal in 3 Jahren. Abnehmen, Zunehmen, Therapie, Therapieabbruch.

Als ich wieder halbwegs klar im Kopf war, wusste ich: So kann es nicht weitergehen. Ich bin gefangen von meinen eigenen Fesseln, die sich immer fester zuschnüren und mir die Luft zum Atmen nehmen. Ich entschied mich bewusst für eine letzte Therapie und sagte mir: entweder ich schaffe es, oder ich sterbe. Diesmal war der Wille so stark, dass der Gedanken an Essen und Gewicht immer weniger wurden und in mir wieder so etwas wie Lebensfreude erweckt wurde. Ich entdeckte wieder Hobbies, hatte Spaß an meiner Leidenschaft zu tanzen und konnte Sport auch ohne Zwang ausüben.

Es ging bergauf. Endlich! Darauf folgte ein Auszug von Zuhause, der für mich nur schwer zu ertragen war, da ich meine Familie über alles liebe und niemals im Stich lassen würde. Aber ich musste es tun. Und auch das ging gut. Ich wohnte 300 Kilometer von daheim weg und machte meine Ausbildung zur Hotelfachfrau zu Ende. Ich hatte meine kleine Wohnung und viele Freunde.

Der Gedanke, mir Essen zu verweigern, wäre mir nicht mehr in den Sinn gekommen. Im Gegenteil. Ich hatte leider immer wieder Fressanfälle, welche letztendlich dann wieder zu meinem Ausgangsgewicht von 65 kg führten. Ich wusste, ich muss dieses Gefühl jetzt ertragen, aber es ist die Hölle, nicht wieder zu hungern, und die Gefahr ist wohl das ganze Leben ein Begleiter. Lange Zeit ging es mir wirklich gut, ich hatte eine Beziehung und konnte halbwegs normal essen. Leider schlich sich vor einem Jahr wieder ein kleiner Teufel in meinen Kopf und versucht seitdem wieder mit aller Macht gegen meinen Engel anzukämpfen. Leider hat er es teilweise auch wieder geschafft, auch wenn ich nun weiß, dass es nie mehr so weit kommen darf. Aber 10 kg sind wieder runter, und das Schlimme ist wohl das Gefühl, dies auch noch gut zu finden.

Aber dieses Mal habe ich gleich die Reißleine gezogen und mich wieder in ambulante Therapie gegeben. Das Wichtigste ist zu erkennen, wann man wieder einen Schritt in die falsche Richtung macht, und dann umzukehren und zu sagen: »Nein, ich will da niemals mehr hin!« Die inneren Kämpfe zerstören mich, nehmen mir die Luft zum Atmen und lassen literweise Tränen fließen. Aber ich weiß auch, dass es anders geht, und ich kann euch allen nur eines mit auf den Weg geben:

Kämpft! Es lohnt sich.

Auch ich werde den Kampf erneut aufnehmen in der Hoffnung, irgendwann mal als Siegerin aus dem Ring hervorzugehen.
Und zwar für immer.

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