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Massimo Vacchetta:

Eine Handvoll Glück Die Geschichte des kleinen Igels mit dem großen Herzen

Wer Igel liebt, wird Massimo Vacchettas Buch »Eine Handvoll Glück« bis zur letzten Zeile nicht aus der Hand legen können. Es ist ein ganz besonderes Igelbuch, eines, das man in einem Zug lesen möchte, das einen zutiefst berührt und in das Geschehen hineinzieht. Der Ich-Erzähler ist ein italienischer Tierarzt für Großtiere, dem eines Tages im Jahr Mai 2013 ein winziges Igelbaby anvertraut wird. Man freut sich mit ihm, der bisher von Igeln keine Ahnung hatte, über jeden noch so kleinen Fortschritt, den seine Ninna macht; man leidet mit, wenn er später immer mal wieder um kranke, verwaiste, verunglückte Igel kämpft. Man fiebert mit ihm, hofft und bangt, verdrückt vielleicht sogar die eine oder andere Träne. Was dieses ungewöhnliche Buch nicht ist und nicht sein will: ein Lehrstück für unerfahrene Igelfreunde oder eine Anleitung für den fachgerechten Umgang mit den liebenswerten Stachlern, im Gegenteil. Es ist eine sehr emotionale, persönliche Geschichte, niedergeschrieben von der Journalistin und Bloggerin Antonella Tomaselli. Sie zeigt, was passieren kann, wenn eine weiche Seele auf eine hilflose Kreatur trifft, und sie dokumentiert auch Schwierigkeiten, die dabei auftreten können und Fehler, die man nicht machen sollte.

Vacchetta steckt mitten in einer Sinnkrise, als er sein Herz an das Igelmädchen verliert. Es ist ergreifend, wenn er mit einer für Männer ganz ungewöhnlichen Gefühlsseligkeit erzählt, wie er sich in das zarte Wesen hineinversetzt, das seine Mutter verloren hat: »Ich malte mir aus, wie der Winzling auf sie gewartet hatte, hungrig und voller Angst. Wie er in seiner Verzweiflung aus dem Nest gekrabbelt war, um seine Mutter zu suchen. Und plötzlich spürte ich seine Einsamkeit am eigenen Körper. Es war die Einsamkeit meiner Kindheit.« Die letzten Worte bilden einen Schlüsselsatz für die Geschichte, die folgt. Vacchetta hat diese Verzweiflung selbst erlebt, fühlt sich nicht nur in das Schicksal des Igelchens ein, sondern fühlt sich mit ihm verbunden und geht eine innere Bindung ein, was weder von tierärztlicher Professionalität zeugt noch gut für ein Wildtier ist. Nur füllt das Tier eine Leere im Herzen aus: »Ich liebte Ninna, bei ihrem Anblick schmolz ich dahin«.

Viel zu lang schafft er es deshalb nicht, seine zu einer stattlichen Igeldame herangewachsenen Ninna auszuwildern, findet immer noch ein Argument, weshalb es gerade jetzt nicht geht. Dabei kreist er nicht mehr nur um diesen einen stacheligen Liebling, der ihm so ans Herz gewachsen ist. Auf Ninna folgte Ninno, dann Trilly, dann Selina Und schon bevor die vielen anderen Patienten zu ihm kamen, spürt er: »Dieser Igel, der durch Zufall in mein Leben betreten ist, hat etwas in mir verändert« und träumt davon, ein Hilfszentrum für Igel zu gründen: »Ninna hat mich auf die Idee gebracht«. Es beglückte ihn, dieses Häufchen Elend »zu einem robusten und lebensfrohen Igel heranwachsen zu sehen. Und immer mehr spürte ich, dass es meine Lebensaufgabe war, Igeln zu helfen.« Am Ende des Buchs ist Ninna endlich ausgewildert, und Vacchetta hat mit einem Pflegeheim für Igel seine Bestimmung gefunden – eine wahre Geschichte, die sich wie ein modernes Märchen liest.

Massimo Vacchetta/Antonella Tomaselli: Eine Handvoll Glück, Penguin Verlag München 2018, 10 Euro. ISBN: 978-3-328-10282-3

Diese Buchbesprechung habe ich ursprünglich für das Igel-Bulletin Nr. 63 von Pro Igel e.V. verfasst. Sie erschien nur in der Print-Version; nach dem Wechsel im Vereinsvorstand 2020 wurde die gesamte Ausgabe des Bulletins nicht, wie sonst üblich, online gestellt.

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